Archiv für Mai 2010

Der erste (?) Streik in der Geschichte!

Der Streik der Grabbauer

Für mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen zu streiken, ist für
die Menschen der Gegenwart nichts Besonderes. Man ist stolz auf die Rechte der
Arbeitnehmer, die bis vor kurzem noch gar nicht selbstverständlich waren,
so meint man.
In Wirklichkeit haben zum ersten Mal im 12. Jahrhundert vor Chr. Handwerker
die Arbeit niedergelegt, um gegen sich verschlechternde Lebensbedingungen zu
protestieren. Im alten Ägypten, während der Regierungszeit Pharao
Ramses III. streikten die Arbeiter von Deir el-Medina, die für die Könige
die prächtigen Felsengräber im Tal der Könige herstellten. Was
war der Grund? Litten sie bittere Not? Oder hungerten sie gar, wie sie selbst
angaben? Wahrscheinlich nicht! Wir wissen, daß die Ernten in der Zeit
des Streiks nicht schlechter waren als sonst auch. Durch die großen Bauten
und die Kriege des Königs war die Wirtschaft allerdings unter Druck geraten.
Der Hauptgrund für zeitweilige Engpässe in der Versorgung waren vermutlich
in der Korruption und Nachlässigkeit der zuständigen Beamten zu suchen.
Die Arbeiter im Königsgräbertal, die für das religiöse Gefühl
der Zeitgenossen eine sehr heilige Arbeit verrichteten, wollten aber keinesfalls
hinnehmen, daß ihr Lebensstandard sank. So legten sie denn mehrere Male
Kupfermeißel und Malerpinsel nieder, und verließen ihren Arbeitsplatz
im Tal der Könige, um zu protestieren. Ihre Vorgesetzten versuchten nach
Kräften und unter großen Schwierigkeiten, zwischen den Arbeitern
und den Beamten zu vermitteln

Ramses III. mit seinem Sohn Amunherchepeschef
Relief aus QV55
In der Zeit um 1160 v. Chr. regierte in Ägypten Pharao Ramses III., der
mächtigste König der 20. Dynastie. Wie seine Vorgänger herrschte
er in den prächtigen Residenzstädten Memphis und Pi-Ramesse im Nildelta.
Religiöses Zentrum aber war die ehemalige Hauptstadt Theben in Oberägypten
geblieben. Dort stand der Tempel von Karnak, das gewaltige Heiligtum des Reichsgottes
Amun-Ra und seine mächtige Priesterschaft dominierte die Priester der anderen
ägyptischen Götter.
Dort, in Theben, wollte Ramses III. nach seinem Tod begraben werden. Seit Beginn
des sogenannten Neuen Reichs fanden die Pharaonen hier ihre letzte Ruhe. Dieses
Privileg hatte die ehemalige Hauptstadt behalten, auch in der Zeit, als der
politische Schwerpunkt des Reichs längst im Norden lag.
Auf dem Westufer des Nil lag die riesige Nekropole, denn das Jenseits befand
sich nach Auffassung der alten Ägypter im Westen. Hier erstreckte sich
zu Füßen eines felsigen Gebirgszuges die Totenstadt mit ihren Tempeln
für längst dahingegangene Pharaonen, mit ihren Königspalästen
und den herrschaftlichen Villen hoher Beamter. Hier lebten die Priester der
Totentempel; Nekropolenarbeiter, Frauen, Händler, Wasserträger und
Mumienbereiter eilten geschäftig zwischen den Gebäuden hin und her.
Dort wo das Fruchtland an die Wüste grenzte, duckten sich die Hütten
der Bauern. Dies war die ehrfurchtgebietende Stadt für die Ewigkeit.
„Dein Name ist hoch und mächtig und stark. Das Gottesland grünt
aus Liebe zu dir. Man bringt dir Wohlgerüche, um deine Tempel festlich
zu machen. Die Weihrauchbäume tropfen Myrrhen für dich. Die Berge
bringen dir Steine, um die Tore deiner Tempel groß zu bauen.
Die Bösen wurden von Theben gelöst und man rühmt es als die Herrin
der Städte, die gewaltiger ist als jede Stadt.“
In dem abgelegenen Tal in den Bergen über der Nekropole schlug man prunkvolle
Gräber für die toten Herrscher in die Felsen. Die Königsgräber
wurden mit aller nur erdenklichen Pracht ausgestattet, denn schließlich
sollten die Könige im Jenseits nichts von dem Luxus vermissen, den sie
im Diesseits gewohnt waren. Die irdischen Körper der Verstorbenen wurden
mumifiziert. Wenn sie ewigen Bestand hatten, konnten sie als verbindendes Element
zwischen diesseitigem Kult und jeseitiger Wiederbelebung wirken.
Den ‚Großen Platz der Wahrheit‘ nannten die Ägypter diesen heiligen
Ort.
Die Menschen, die ihr Leben lang die Gräber aus dem Fels meißelten
und mit Zeichnungen und Reliefs ausstatteten, waren die Diener am Platz der
Wahrheit.
Das Tal der Könige
Nicht weit vom Tal der Könige entfernt befand sich das Dorf, in dem diese
Handwerker und Künstler mit ihren Familien wohnten. Heute heißt der
Ort Deir el-Medina, damals war die Siedlung so bekannt, daß man nur ‚der
Ort‘ ,Pa Tíme‘ sagen mußte und jeder Ägypter wußte,
wovon die Rede war.
Eines Tages aber ergriff in diesem Dorf ein Schreiber den Binsengriffel und
verfaßte einen Brief an den obersten Staatsbeamten in Theben, den Wesir
namens To.
Ein sog. "Streikostrakon"„An
den Wedelträger zur Rechten Pharaos, den Wesir To. Der Nekropolenschreiber
schreibt seinem Herrn in Leben, Heil und Gesundheit. Dies ist ein Brief, um
meinen Herrn wissen zu lassen, daß ich an den Gräbern der Königskinder
arbeite, deren Errichtung mein Herr befohlen hatte. Ich arbeite sehr sorgfältig
und ganz vortrefflich, mit schönen und guten Fortschritten. Mein Herr braucht
um die Gräber nicht besorgt zu sein, denn ich arbeite sehr ordentlich,
und ich bin keineswegs müde.
Ich teile meinem Herrn mit, daß wir Handwerker äußerst elend
geworden sind. Alle Sachen für uns, die wir aus dem Schatzhaus, der Scheune
und dem Magazin erhielten, sind weggelassen worden. Nicht leicht ist aber das
Schleppen von Steinen. Man hat uns anderthalb Zentner Gerste wieder fortgenommen,
um sie uns als anderthalb Zentner Dreck zu geben! Möge mein Herr handeln,
daß unser Lebensunterhalt uns gewährt wird! Denn wir sind schon am
Sterben, wir sind kaum noch am Leben, denn man gibt uns unsere Sachen nicht.“
Wie konnten die Dorfbewohner in eine so verzweifelte Lage kommen? Litten sie
tatsächlich Hunger? Wo blieben die Lebensmittellieferungen? Wo blieb der
Lohn für ihre Arbeit?
Die Arbeit der Grabbauer galt im Alten Ägypten als heilige Arbeit. Immerhin
betraf sie magische Geheimnisse, ja, grenzte an göttliche Sphären.
Deshalb lebten die Handwerker abgeschieden von der übrigen Bevölkerung.
Mit der Produktion von Nahrungsmitteln hatten sie nicht viel zu tun, denn sie
sollten sich ganz auf die Arbeit in den Gräbern konzentrieren können.
Was sie zum täglichen Leben benötigten, erhielten sie und ihre Familien
von der staatlichen Verwaltung. Ihr oberster Dienstherr war der Wesir. Er trug
Sorge dafür, daß die Bewohner von Deir el-Medina in Wohlstand lebten,
was für die breite Masse der Ägypter keineswegs selbstverständlich
war.
Ramses II., Bronzestatue im Museo Egizio, TurinDaß
die Versorgung der Grabhersteller hervorragend sein sollte, hatte bereits Pharao
Ramses II. angeordnet: „Die Scheunen sollen überfließen an
Getreide, damit nicht ein Tag des Mangels an Lebensunterhalt eintritt. Es ist
für jeden von euch monatlich festgesetzt, und ich fülle euch die Magazine
mit allen Dingen an Brot, Fleisch, Kuchen für euren Unterhalt, Sandalen,
Kleidern und allerlei Salben zum Salben eurer Häupter für alle zehn
Tage, die Kleidung aber für jedes Jahr und die Sandalen für eure Füße
täglich. Nicht soll einer von euch einschlafen, indem er aus Not seufzt.
Ich gebe euch zudem viele Leute, die euch gegen Mangel versorgen: Fischer, um
Fische zu bringen, zudem Gärtner, um Gemüseabrechnungen zu machen.
Ich lasse Gefäße herstellen auf der Töpferscheibe, um Behälter
herzustellen zum Wasserkühlen für euch im Sommer. Auch fährt
für euch Oberägypten nach Unterägypten und Unterägypten
nach Oberägypten mit Emmer, Gerste, Weizen, Salz und Bohnen ohne Zahl.“
Seit jeher wurden die Handwerker von Deir el-Medina für die geleistete
Arbeit mit Naturalien entlohnt. Geld im heutigen Sinn war im pharaonischen Ägypten
ohnehin unbekannt, alle Geschäfte waren Tauschgeschäfte. Der Warentausch
wurde hauptsächlich auf der Basis von Getreide oder Öl, manchmal auch
von abgewogenen Stücken Edelmetall durchgeführt. Mit diesen Dingen
konnten die Arbeiter auch sparen, denn Getreidesäcke, Ölkrüge
und Silberringe ließen sich leicht aufbewahren. So konnte man auch größere
Anschaffungen wie Rinder, Esel, Möbel oder Särge tätigen.
Selbstverständlich wurde den Leuten von Deir el-Medina auch ihr Arbeitsmaterial
zugeteilt. Kupfermeißel, Hämmer, Farben oder Lampendochte waren kostbares
Wirtschaftsgut. Als einmal das Werkzeug nicht rechtzeitig eintraf, verfaßte
ein Schreiber eine dringende Mahnung an den Wesir: Ferner gute Wünsche
an meinen Herrn des Inhalts, daß wir nicht genügend ausgerüstet
worden sind mit Meißeln und Gips. Die Handwerker Pharaos haben die Herstellung
von Meißeln beendet; die aber sind noch immer in ihren Händen. Möge
mein Herr es dem Schatzhausvorsteher Pharaos berichten und möge er an den
Stellvertreter des Schatzhauses Pharaos schreiben, damit der Meißel und
Körbe liefert. Möge er der Bauverwaltung schreiben, um sie zu veranlassen,
daß sie uns mit Gips versorgen, und möge er an die beiden Nekropolenschreiber
schreiben, daß sie uns mit Meißeln versorgen.“
Jetzt aber herrschte plötzlich Mangel in Deir el-Medina. Die Handwerker
seien am Sterben, hatte der Nekropolenschreiber behauptet. Doch daß die
Lage so dramatisch war, darf bezweifelt werden. Die staatlichen Aufzeichnungen
vermerken, die Nilüberschwemmung sei so hoch wie immer ausgefallen und
man habe üppige Ernte eingefahren. Wenn die Lieferungen also tatsächlich
ins Stocken kamen, dürfte behördliche Schlamperei der Grund gewesen
sein. Vielleicht hatte auch ein korrupter Beamter Teile der Waren abgezweigt
und auf dem Schwarzmarkt verkauft. In jedem Fall aber dürften die Folgen
nicht annähernd so trostlos gewesen sein, wie in dem Brief behauptet wurde.
Immerhin hatten manche Dorfbewohner Vorräte angelegt. Die meisten waren
wohlhabend genug, um sich ihren Weizen auf Thebens Märkten kaufen zu können,
wenn sich die Lieferung einmal verspätete. Keine nackten Existenzsorgen
plagten die Leute, es verdroß sie vielmehr, daß ihr Wohlstand gemindert
wurde.
Offenbar erhielten die Handwerker die rückständigen Lieferungen nach
einiger Zeit. Aber bald darauf gab es wieder Probleme mit den Lohnzahlungen.
Im 29. Jahr König Ramses des III. notierte der Nekropolenschreiber Amun-nacht:
„Jahr 29, 2. Monat der Überschwemmungszeit, Tg 21.
An diesem Tag: entgegengenommen die Klage der Arbeiterschaft durch den Schreiber
Amun-nacht. Zwanzig Tage sind mittlerweile vergangen, ohne daß uns die
Getreideration gegeben worden ist.“
Gasse in Deir el-MedinaAmun-nacht
bekleidete seit vielen Jahren das Amt des ranghöchsten Schreibers in Deir
el-Medina. Er kannte jede der sechzig Familien und die Menschen lagen ihm sehr
am Herzen. Keine Frage, daß er sich sofort für sie einsetzte und
durch die glühende Sommerhitze vom Dorf hinunter in die Ebene marschierte,
um die Lieferungen persönlich einzuklagen.
„Er begab sich zum Totentempel des Haremhab. Man brachte daraufhin
46 Sack Emmerweizen und gab es ihnen im 2. Monat der Überschwemmungszeit,
Tag 23.“
Die 46 Sack Weizen waren zwar bei weitem nicht die gesamten Außenstände,
aber offensichtlich genug, um die Handwerker fürs erste zufriedenzustellen.
Der Totentempel des vor vielen Generationen verstorbenen Königs Haremhab
gehörte organisatorisch zum Großen Amuntempel von Karnak. Bleibt
also festzuhalten, daß hier ein Tempel die Arbeiter versorgte, was eigentlich
Sache der staatlichen Verwaltung gewesen wäre. Der Einfluß der Tempel
im öffentlichen Leben stieg demnach und die königliche Verwaltung
verlor an Boden. Das ist ein Hinweis auf politische Veränderungen. Kann
man daraus aber ableiten, daß es llgemeine, landesweite Unruhen gab? Ja
durchaus. Es gibt dafür noch ein weiteres Indiz. In Schreiber Amun-nachts
Notiz findet sich nämlich ein Zusatz: „Man ernannt den Wesir To
zum Wesir von Ober- und Unterägypten.“
Statt der Verwaltung nur eines der beiden Landesteile vorzustehen, erhielt
To die Macht über den gesamten Staatsapparat. Vielleicht rechnete man mit
Aufruhr und dachte, nur ein besonders mächtiger Wesir könne dem wirkungsvoll
begegnen. Offenbar ist es nämlich auch andernorts zu Unzufriedenheit der
Bevölkerung und zu Engpässen in der Versorgung gekommen. Die großen
Bauvorhaben Ramses III. mögen zu dieser Situation beigetragen haben: die
gewaltige Tempelanlage von Medinet Habu war vor einiger Zeit fertiggestellt
worden. Legionen von Bauarbeitern mußten damals lange Zeit versorgt werden,
was die Vorräte schmelzen ließ.
Außerdem belasteten die großen Kriege Ramses III. den Staatshaushalt
schwer. Ägypten hatte von Westen einfallende Libyer und gegen das Delta
vorrückende Seevölker abwehren müssen. Viele Menschen waren gestorben
und die Wirtschaft auf Jahrzehnte hinaus unter Druck geraten.
Deir el-MedinaNicht
lang nachdem Amun-nacht wenigstens einen Teil des Lohns organisiert hatte, blieben
die Zahlungen erneut aus. Die Stimmung in Deir el-Medina war äußerst
gereizt und zum ersten Mal kam es zu Arbeitsniederlegungen. Amun-nacht notiert:
„Jahr 29, 2. Monat der Winterzeit, Tag 10.
An diesem Tag: Streik durch die Arbeiterschaft. Sie sagen: wir haben Hunger!
18 Tage des Monats sind schon vergangen!“
Voller Zorn verließen die Männer ihre Arbeitsplätze im Tal
der Könige. Sie stapften den schmalen Pfad zwischen den Felsen hinunter
in die Ebene. Kopfschüttelnd blickten die Vorarbeiter und die Schreiber
ihnen nach und begaben sich ihrerseits ins Dorf zurück, wo sie über
die nächsten Schritte beratschlagten. Als die Arbeiter nicht zurückkehrten,
machten sich die Vorgesetzten auf die Suche. Auch Schreiber Amun-nacht forschte
zunächst in der trutzigen Tempelfestung von Medinet Habu nach den streikenden
Arbeitern. Vergebens! Dort waren sie nicht. Also mußte nun die gesamte
Ebene mit allen Totentempeln durchkämmt werden. Nach langem Suchen wurden
die Arbeiter schließlich aufgestöbert.
„Sie saßen an der Rückseite des Totentempels Thutmosis III.
Da kamen der Nekropolenschreiber, die beiden Vorgesetzten, die beiden Stellvertreter,
die beiden Verwaltungsbeamten und riefen ihnen zu: ‚Kommt in den Tempel herein!‘
Sie schworen große Eide und sagten: ‚Wir haben das Wort Pharaos!‘
Doch man blieb tagsüber an dieser Stelle, verbrachte jedoch die Nacht in
der Nekropole.“
Mochten die Vorgesetzten noch so sehr beteuern, daß sie Nachrichten vom
König hätten, daß die Lieferungen bald einträfen, die mißtrauischen
Handwerker glaubten kein Wort. Sie blieben sitzen – wie die Aufzeichnungen zeigen
– und ließen sich erst abends erweichen, ins Dorf zurückzukehren.
Wenn die Arbeiter geglaubt hatten, daß ihre Forderung nach Versorgung
nun erfüllt würde, sahen sie sich getäuscht. Nichts geschah!
Es gab weder Nachricht von Pharao, noch wurden die Rationen ausgeteilt.

Das Ramesseum, der Totentempel Ramses II.
Die Handwerker waren zutiefst empört. Belogen und betrogen fühlten
sie sich! Es kam wie es kommen mußte: aufs Neue wurde die Arbeit niedergelegt!
Diesmal zog man zum Totentempel Ramses II., wild entschlossen, sich nicht noch
einmal mit Lügen und leeren Versprechungen abspeisen zu lassen.
Die Handwerker drangen in die Tempelanlage ein, ließen sich in einem
den Innenhöfe nieder und beschlossen, keinesfalls abends nach Hause zurückzukehren.
Tatsächlich verbrachten sie die ganze Nacht im Ramesseum. Was tun? Auch
der Oberpolizist Monthmose nahm Partei für die Streikenden. Er erklärte,
er wolle den Bürgermeister von Theben um Unterstützung angehen. Feuer
und Flamme für die gute Sache brach er auf und setzte über den Nil.
Seltsamerweise finden wir an dieser Stelle des Papyrus mitten in der Schilderung
des Streiks den Vermerk, daß ein Arbeiter 55 süße Kuchen im
Tempel kaufte, während Monthmose sich auf dem Weg zum Bürgermeister
befand. Dies bestätigt den Verdacht, daß es weniger nacktes Elend
war, weswegen die Arbeiter streikten, als vielmehr Empörung über die
Zurücksetzung und Mißachtung. In ihren Erklärungen machten die
Leute allerdings gehörig Druck mit ihrer angeblichen jammervollen Not.
„Wegen des Hungers und des Durstes sind wir hierher gekommen. Es gibt
keine Kleidung, keine Salbe, keinen Fisch und kein Gemüse. Schickt zu Pharao,
unserem guten Herrn, deswegen. Und schickt zum Wesir, unserem Vorgesetzten,
damit Nahrung für uns bereitgestellt werde.“
Tempelschreiber nahmen die Aussagen der Streikenden zu Protokoll und danach
wurde endlich gehandelt. „Die Rationen für den ersten Monat der
Winterzeit wurden ihnen an diesem Tag übergeben.“
Diese Zuteilung war seit zwei vollen Monaten überfällig gewesen!
Es war der Bürgemeister von Theben, einer der höchsten Beamten, der
auf die Intervention des Polizisten Monthmose die Ausgabe veranlaßte.
Damit war eigentlich bewiesen, daß durchaus Vorräte vorhanden waren,
diese aber zurückgehalten wurden.
Außerdem sahen die Arbeiter mit Erbitterung, daß ihnen wieder nur
ein Teil der Lebensmittel ausbezahlt wurde. Besonders erbost daüber zeigte
sich Monthmose. Nach dem Motto ‚jetzt erst recht‘ stachelte er die Männer
zu weiteren Protestmaßnahmen an. Er stellte sich vor sie hin und hielt
eine flammende Ansprache:
„Seht, ich sage euch meine Meinung. Steht auf, nehmt eure Werkzeuge,
verschließt eure Türen, holt eure Frauen und Kinder, und ich selbst
werde vor euch hergehen zum Totentempel Sethos‘ I. Ich werde euch dort bis morgen
sitzen lassen.“
Etwas für ägyptische Verhältnisse ganz Unglaubliches geschah
da. Ein Vertreter der Obrigkeit, der Polizeichef von Deir el-Medina, stellte
sich gegen die Staatsmacht! Und Menschen, die in völliger ökonomischer
Abhängigkeit standen, weigerten sich, den königlichen Beamten zu gehorchen.
Solches Verhalten verstieß eigentlich schon fast gegen die göttliche
Ordnung! Zur ägyptischen Mentalität passte es jedenfalls nicht. Ihr
entsprach eher die Anweisung in einer alten Lehrschrift: „Ist die Masse
wütend, so gebe man sie in ein Arbeitshaus!“
Doch der Zeitgeist veränderte sich. Die Menschen von Deir el-Medina machten
die Erfahrung, daß man Forderungen durchsetzen konnte, wenn man sie nur
mit dem entsprechenden Nachdruck stellte! Der Streik als Kampfmittel wurde entdeckt,
die Arbeitsniederlegung als Methode, gegen Behördenwillkür vorzugehen.
Leider erreichten die Arbeiter auch diesmal nur einen Teilerfolg. In der Siedlung
wollte absolut keine Ruhe eintreten. Nach kurzer Zeit stockten die Lieferungen
erneut. Die Nerven aller waren zum Zerreißen gespannt. Schon bald entlud
sich die unterschwellige Gereiztheit in Zwist und Hader zwischen den Dorfbewohnern.
Bei einer neuerlichen Arbeitsniederlegung machten sich die Vorarbeiter und Schreiber
auf, die Leute zurückzuholen. Vor Zorn wurde der Arbeiter Mose richtiggehend
ausfallend: „Sowahr Amun dauert, sowahr der Herrscher dauert, der, dessen
Macht größer ist als der Tod. Sollten sie mich heute hier wegholen,
so soll der Herrscher niederliegen, nachdem er sein Grab verflucht hat. Ich
werde nicht weichen!“
Solche Worte waren Majestätsbeleidigung und damit Gotteslästerung.
Mose wurde hart bestraft, nicht wegen seiner Aufsässigkeit, sondern wegen
Beleidigung des Königs. „Die Prügelstrafe wurde ihm gegeben
wegen seines Eides im Namen Pharaos dort.“
Szene vor Gericht: die Prügelstrafe wird vollzogen

Malerei aus dem Grab des Menena, TT69
NR, 18. Dyn., Thutmosis IV.
Jetzt unterstützen die Vorgesetzten die Kampfmaßnahmen der Handwerker
nicht mehr so ohne weiteres. Immer öfter kam es zu wilden Streiks.
„Verweigerung durch die Arbeiterschaft an der Rückseite des Dorfes.
Die drei Vorgesetzten machten ein großes Geschimpfe gegen sie vom Tor
des Dorfes aus.“
Häßliche Szenen müssen sich da abgespielt haben. Völlig
entnervte Vorarbeiter und Schreiber schrien herum, während die Arbeiter
immer kaltblütiger handelten. Entschieden lehnten sie es ab, die Arbeit
wieder aufzunehmen. Und plötzlich war da ein neuer Vorwurf: „Bestellt
euren Vorgesetzten, so sprachen sie, daß wir nicht zurückkehren.
Nicht wegen des Hungers haben wir die Königsgräber verlassen. Wir
haben eine wichtige Erklärung abzugeben: Wahrlich, Böses ist geschehen
an diesem Platz Pharaos!“
Die reine Wahrheit sprächen sie, beteuerten sie heftig.
Dies war eine ganz unerwartetete Wende. Was war das Schlimme, weswegen gestreikt
wurde? Der Bericht erzählt nicht, worum es sich handelte. Aber eines ist
klar: die rein wirtschaftlichen Gründe für die Arbeitskämpfe
waren in den Hintergrund getreten.
Schreiber Amun-nacht nahm den Papyrus zur Hand, auf dem er die bisherigen Ereignisse
festgehalten hatte und wischte den Text säuberlich ab. Dann verfaßte
er einen neuen Bericht, in dem er noch detaillierter jede einzelne Äußerung
aufschrieb. Unregelmäßigkeiten im Tal der Könige, am Großen
Platz der Wahrheit, erforderten fehlerlose Gründlichkeit.
Vermutlich wollten die Handwerker in ihrem Bericht dunkel andeuten, irgendwer
habe sich an den Königsgräbern zu schaffen gemacht, den heiligen ‚Wohnungen
für die Ewigkeit‘ der Pharaonen. Eine furchtbare Anschuldigung und sehr
heikel dazu, denn so etwas war bereits wiederholt vorgekommen. Zu groß
war die Versuchung, sich an den ungeheuren Schätzen zu vergreifen, die
in diesen Gräbern lagerten. Was genau geschehen war, wissen wir nicht.
Auf jeden Fall belauerten auch in der Folgezeit Handwerker und Vorgesetzte im
Dorf einander voller Mißtrauen und Groll.
Wesir To war während dieser Zeit in ganz Oberägypten unterwegs gewesen,
um Götterfiguren einzusammeln, die für das Fest anläßlich
des 30. Regierungsjubiläums des Königs in der Hauptstadt benötigt
wurden.
Am 28. Tag des 4. Monats der Winterzeit traf er wieder in Theben ein. Die Abordnung
aus Deir el-Medina wartete schon auf ihn. Klagen über Klagen prasselten
auf den Wesir hernieder. Sie gipfelten in dem Vorwurf, er, der Wesir selber,
habe ihnen ihren Lohn gestohlen. Entrüstet wies To diese Anschuldigungen
von sich: „Ich kam nicht etwa, weil nichts zu euch zu bringen war. Und
was euren Vorwurf anbetrifft: ‘ Nimm nicht unsere Rationen fort!‘: Gab ich,
der Wesir, etwa den Befehl, sie fortzunehmen? Habe ich nicht gegeben, wie es
meine Pflicht ist? Wenn es geschah, daß nichts in den Kornspeichern war,
so habe ich euch das gegeben, was ich dort gefunden habe!“
Wie immer, wenn gestreikt wurde, folgte auch diesmal sofort eine Zuteilung.
Man versuchte allerdings, die Handwerker mit nur der Hälfte der fälligen
Monatsration abzuspeisen.
Die Gründe für diese Behördenwillkür lassen sich heute
nicht mehr nachvollziehen. Gab es tatsächlich Engpässe in der Getreideversorgung
oder sollten, was wahrscheinlicher ist, Unterschlagungen ungetreuer Beamter
vertuscht werden? Verständlicherweise wuchsen Unmut und Zorn in der Bevölkerung
von Deir el-Medina. Mußte man nun jede halbe Monatsration erst erstreiken?
Jetzt riß dem Vorarbeiter Chonsu der Geduldsfaden. Während Schreiber
Amun-nacht den Weizen ausgab, stellte sich Chonsu vor die Leute und rief: „Seht,
ich sage euch, nehmt den Lohn und steigt hinab zum Hafen und zur Verwaltungsstelle!
Laßt die Leute des Wesirs es ihm erzählen.“
Vielleicht lag am Hafen das Flußschiff, mit dem die halbe Monatsration
herbeitransportiert worden war. Jedenfalls scheinen Beamte des Wesirs dort gewesen
zu sein. Schreiber Amun-nacht riet allerdings dringend ab, zum Fluß zu
gehen und schickte gleich noch eine Drohung hinterher: „Geht nicht zum
Hafen! Wahrlich, ich habe euch zwei Sack Emmerweizen in dieser Stunde gegeben.
Aber falls ihr jetzt geht, so werde ich euch ins Unrecht setzen vor jedem Gerichtshof,
zu dem ihr deswegen gehen solltet.“
Amun-nacht hatte Erfolg. Er hielt die Leute auf, indem er ihnen klarmachte,
daß es zu so geharnischtem Protest keinen Grund gab. Kein Gericht würde
ihnen rechtgeben.
Der Grabarbeiter Pasched und seine FamilienangehörigenDie
Handwerker hätten vielleicht besser daran getan, ihre Proteste fortzusetzen,
denn die Versorgung klappte auch weiterhin nicht. Verbittert und am Ende ihrer
Nervenkraft machten sich die Männer schließlich zu einer neuen Demonstration
auf.
‚Wir sind hungrig‘ sagten sie, an der Rückseite des Totentempels des
Merenptah. Sie sprachen den Bürgermeister von Theben an, als er gerade
vorbeikam und der ließ ihnen sagen:
‚Ich habe euch diese 50 Sack Emmerweizen zu eurem Lebensunterhalt gegeben, bis
Pharao euch die Rationen geben wird.‘ „
Das klingt nach einem fürsorglichen Beamten. Aber alles, was wir von diesem
Bürgermeister wissen, deutet daraufhin, daß er durchaus nicht immer
so menschenfreundlich handelte. Von einer OpferstiftuSng unterschlug er beispielsweise
den Handwerkern den ihnen zustehenden Anteil. Der Schreiber notierte: „Ich
werde nach Theben gehen, um beim Hohenpriester des Amun eine Anklage gegen den
Bürgermeister von Theben vorzubringen. Er gab den Handwerkern nicht das
Brot des Gottesopfers. Ein großes Verbrechen ist das, was er tat!“
Es ist sicher als Hinweis auf die wachsende Bedeutung der Amunpriesterschaft
zu werten, daß man sich in diesem Fall an den Hohenpriester dieses Gottes
wandte. Es dauerte nicht lang, bis der gesamte Briefwechsel zwischen den Dorfschreibern
und dem Wesir über den Hohenpriester lief. Auch die Belieferung mit Lebensmitteln
wurde seiner Aufsicht unterstellt.
Dennoch kam es bis zum Tod des Pharao Ramses III. immer wieder zu Unruhen.
Sie dauerten bis weit in die Regierungszeit Ramses IV. an. Wir wissen wenig
über die Streikgründe im einzelnen. Vermutlich handelte es sich auch
in dieser Zeit um wirtschaftliche Probleme. Das jedenfalls behaupteten die Arbeiter:
„Wenn wir also gestreikt haben, geschah dies, weil wir Hunger hatten,
weil kein Holz mehr da war, kein Gemüse und keine Fische.“
Und als hierzu die Meinung eines Gerichts eingeholt wurde, erklärten die
Richter kurz und bündig:
„Die Arbeiter der Mannschaften im Königstal haben recht.“



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