Allgemein

Countdown zur 1. Libertären Medienmesse läuft

In einem der größten europäischen Ballungsgebiete mit mehr als acht Millionen Menschen, stellen vom 3. bis 5. September 2010 libertäre Verlage, Zeitschriften, Radio-, Video- und Internetprojekte ihr Programm vor. Drei Tage Messe, Projektvorstellungen, Lesungen, Kultur, Veranstaltungen, Infos, Leute treffen und Pläne schmieden für eine Welt jenseits von Krise und Ausbeutung. Dafür möchte die 1. Libertäre Medienmesse für den deutschsprachigen Raum (Limesse) einen Rahmen bieten.

DIE VORBEITUNGEN LAUFEN

Nur noch knapp sechs Wochen sind es jetzt noch bis zur Messe. Aufgrund der großen Zahl der ausstellenden Projekte wird so langsam der Platz knapp. Wir möchten deshalb alle noch Unentschlossenen an dieser Stelle bitten, sich zügig anzumelden. Dafür gibt es ein Formular unter limesse.de. Dort kann u.a. eingetragen werden, wieviel Standfläche benötigt wird. Wir vergeben die Standflächen in der Reihenfolge des Eingangs.

ÖFFNUNGSZEITEN

Inzwischen stehen die Öffnungszeiten für die Messe fest:

FREITAG, 3. 9. 2010 > 18.00 – 21.00 Uhr

SAMSTAG, 4. 9. 2010 > 10.00 – 20.00 Uhr
(danach Konzert und Party)

SONNTAG, 5. 9. 2010 > 10.00 – 16.00 Uhr

VERANSTALTUNGEN

Wir haben erfreulich viele Angebote für Veranstaltungen erhalten und es treffen immer noch neue ein. Im Moment sind wir dabei, einen Zeit- und Raumplan für alle Veranstaltungen zu erstellen. Diesen werden wir im Laufe der nächsten drei Wochen auf limesse.de veröffentlichen. Aktuell findet sich dort bereits eine Liste von Veranstaltungen, die allerdings bei Weitem noch nicht komplett ist. Wenn ihr eine Veranstaltung im Rahmen der 1. Libertären Medienmesse durchführen wollt, meldet euch bitte
zeitnah bei contact@limesse.de.

WAS FÜR DIE OHREN…

Samstag Abend tritt »Anarchist Academy« auf im Rahmen des Releases ihrer neuen CD auf.

Einlass ist ab 20.00 Uhr, Beginn um 21.00. Danach gibt es Tanzbares von Scheibe und aus dem PC.

WERBEMATERIALIEN

Seit letzter Woche können MultiplikatorInnen Werbemittel für die Limesse bei uns abfordern. Zur Verfügung stehen derzeit ein Flyer in DIN A6 (100), ein Plakat in DIN A3 (10) und eine Postkarte in DIN A6 (20). Die Zahlen in Klammern sind die Bündelungen, in den wir diese Werbemittel abgeben. Wenn ihr in eurer Stadt Werbung für die Messe machen möchtet, oder euren Aussendung Infos zur Messe beilegen wollt, schickt uns bitte eine E-Mail unter Angabe der jeweils benötigten Mengen an contact@limesse.de. Wenn ihr vor Ort die Möglichkeit habt, selbst auszudrucken, könnt ihr euch alternativ die Materialien in den nächsten Tagen auch von limesse.de herunterladen. Dort findet ihr auch Web-Banner, und Anzeigenvorlagen. Wir würden uns freuen, wenn ihr in euren Blogs, Websites, Zeitschriften, Fanzines, Radios, Podcasts etc. tatkräftig Werbung für die Messe machen würdet und wenn ihr möglichst viele FreundInnen und GenossInnen mit nach Oberhausen bringt.

VERPFLEGUNG AUF DEM GELÄNDE

Wir freuen uns, dass die Kochgruppe „Le Sabot“ uns auf der 1. Libertären Medienmesse unterstützen wird. „Le Sabot“ kocht biologisch und vegan für AusstellerInnen und BesucherInnen. Für die komplette Vollverpfegung wird der Satz ca. € 7,- pro Tag betragen. Nähere Informationen folgen in einem der nächsten Newsletter.

DEVOTIONALIEN

In Zusammenarbeit mit dem Café Libertad Kolletiv eG in Hamburg werden wir für die Limesse eine kleine Sonderedition eines Espresso-Kaffees aus zapatistisch Kooperativen in Chiapas, Mexiko produzieren. Die Verpackungen werden ein Label haben, das an die 1. Libertäre Medienmesse erinnert. Wenn ihr euch rechtzeitig das Unikat (250g Packung ca. € 3,70) sichern möchtet, schickt bitte eine E-Mail an eisbaer@limesse.de. Ihr
könnt euch den Kaffee dann am Infostand der 1. Libertären Medienmesse abholen.

NAZI-AUFMARSCH IN DORTMUND

In Dortmund, mobilisiert die Nazi-Szene für den 4. September überregional zu einer Großdemonstration. Dagegen wird es eine ganze Reihe von Aktionen geben. Weitere Informationen findet ihr u.a. bei s4.blogsport. Von Oberhausen nach Dortmund sind es mit der Bahn rund 45 Minuten.

Soviel für heute, der nächsten Newsletter folgt in rund zwei Wochen

Salud y Anarquia-Sidicalismo

Eure Limesse-Vorbereitungsgruppe aus dem Ruhrgebiet, dem Niederrhein und dem Rheinland

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3. bis 5. September 2010 Libertäre Medienmesse
Oberhausen | BRD
www.limesse.de · contact@limesse.de

Der Streik bei Tekel: Arbeiter berichten / TEKEL is¸çileri anlatıyorlar

In der Türkei kämpfen KollegInnen des ehemaligen staatlichen Tabak- und Alkohol-Konzern TEKEL seit Monaten trotz massiver Repression gegen massive Gehaltskürzungen, den Verlust von tariflichen und sozialen Rechten oder die Arbeitslosigkeit. Zwei der streikenden Arbeiter berichten.

Türkiye‘de özelleştiren tütün ve alkol şirketi TEKEL‘de işçiler ücretlerin düşürülmesine, sosyal ve kolektif haklarının ellerinden alınmasına ve işsizliğe karşı direniyorlar. Bu direniş büyük baskılara rağmen aylardır sürüyor. İki grevci işçi direnişi ve grevi anlatıyorlar.

Solidarität mit den ArbeiterInnen bei Tekel in der Türkei!
BuTekel işçileri ile dayanışmak

Der Funke wird überspringen!
kıvılcım yayılacak

Seit Mitte Dezember protestieren die Beschäftigten des ehemals staatlichen Unternehmen „TEKEL“ ge­gen die Folgen der Privatisierung. Das staatliche Unternehmen war für die gesamte Tabak- und Alko­holproduktion in der Türkei allein verantwortlich. Das Unternehmen wurde 2008 an BAT (British Ameri­can Tobacco) veräußert. Landesweit sollen nun 40 Produktionsstätten geschlossen werden, die rund 12.000 TEKEL-ArbeiterInnen sollen dann in anderen Betriebe arbeiten. Der Belegschaft drohen da­durch massive Gehaltskürzungen, der Verlust von tariflichen und sozialen Rechten oder die Arbeitslo­sigkeit.

Trotz massiver Repression durch die Polizei halten die TEKEL-ArbeiterInnen seit Monaten an ihrem Protesten fest. Der Arbeitskampf der TEKEL-Beschäftigten hat durch ihre Entschlossenheit die gesam­te türkische Gesellschaft erreicht. Trotz einer Kriminalisierung durch die Regierung unterstützt eine brei­te landesweite Solidaritätsbewegung die Protestierenden in ihrem Kampf. Die Solidarität sprengt dabei die nationalistischen Grenzen und vereint die ArbeiterInnenbewegung in der Türkei. Dies findet Aus­druck in Massenprotesten mit tausenden von ArbeiterInnen, landesweiten Solidaritätssteiks, Besetzun­gen von einem öffentlichen Platz in Ankara und Hungerstreiks.

Unterstützt die ArbeiterInnen von TEKEL in ihrem Kampf um ihre Arbeitsplätze und gegen die Politik der Neoliberalisierung in der Türkei.

***

Nedenleri:

Tekel türkiyede bir tütün ve alkol monopolüydü.Bu kurum 1862 de kuruldu ve 1925 te devletleştirildi.2008 yılında bir açık artırmayla BAT ye (Britsh American Tobacco) devredildi.

Tekel işçileri 2009 aralık ayının ortalarından itibaren özelleştirmelerin sonuçlarına karşı mucadele ediyorlar.Protostonun ana sebebi,hükümetin tasarladıgı,türkiye çapında 40 şehirde üretim yapan ve ortalama 12 000 tekel işçisini daha az ücretle ve daha kötü şartlarda calıştıran işletmelere göndermek.İşçileri tehdit eden, anlaşmalarla belirlenen aylikların korkunç derecede düşürülmesi, sosyal haklarin kısıtlanması ve iş yerlerinin tamamen yok edilmesi tasarlanmaktadır.

Polisin agır saldırılarına ragmen tekel işçileri,mucadelelerine devam etmektedirler.Onların bu kararlı mucadeleleri bütün türkiyeyi etkisi altina aldı ve hükümetin bütün sindirme gayretlerine ragmen bu mucadele ülke capında destek buldu.Uluslararası alanda yankılanarak sesini duyurdu ve dünya onlarca destek protostolarına sahne oldu.Bu destekler binlerle sayılan kitlesel işçi gösterileri,dayanışma grevleri,ankarada toplantı alanının işgali ve açlık grevleri ile kendini gösterdi.

Tekel işçilerinin iş yerleri için verdikleri mucadeleye destek verin ve neo liberal politikalara karşi mucadele edin.

Almanyaya toplanti gezileri yapmak için gelen iki tekel işçisi, yürüttükleri mucadele hakkında bir rapor sunacak

Stationen der Rundreise und weitere Informationen zum Hintergrund

So. 20.06.2010 Hannover
Ort: jz Korn, UJZ Kornstrasse 28-30, Hannover
Beginn: 15.00 Uhr
organisiert von der Freien ArbeiterInnen Union (FAU) – Hannover und der Bibliothek der Freundschaft unterstützt durch die Antifaschistische Aktion Hannover [AAH]

Di. 22.06.2010 Braunschweig
Ort: Nexus, Frankfurter Str. 253, Braunschweig
Beginn: 20:00 Uhr

Mi. 23.06.2010 Hamburg
Ort: Schwarze Katze, Fettstr.23, Hamburg
Beginn: 20:00 Uhr

Do. 24.6 20:00 Duisburg

Sa. 26.06.2010 Köln

Mo. 28.06 2010 Aachen

Mi. 30.06.2010 Frankfurt am Main

Do. 01.07.2010 Nürnberg

Fr. 02.07.2010 Zürich [steht noch nicht fest]

weitere Info’s:
internationale kommunistische strömung (isk)
labournet

Der erste (?) Streik in der Geschichte!

Der Streik der Grabbauer

Für mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen zu streiken, ist für
die Menschen der Gegenwart nichts Besonderes. Man ist stolz auf die Rechte der
Arbeitnehmer, die bis vor kurzem noch gar nicht selbstverständlich waren,
so meint man.
In Wirklichkeit haben zum ersten Mal im 12. Jahrhundert vor Chr. Handwerker
die Arbeit niedergelegt, um gegen sich verschlechternde Lebensbedingungen zu
protestieren. Im alten Ägypten, während der Regierungszeit Pharao
Ramses III. streikten die Arbeiter von Deir el-Medina, die für die Könige
die prächtigen Felsengräber im Tal der Könige herstellten. Was
war der Grund? Litten sie bittere Not? Oder hungerten sie gar, wie sie selbst
angaben? Wahrscheinlich nicht! Wir wissen, daß die Ernten in der Zeit
des Streiks nicht schlechter waren als sonst auch. Durch die großen Bauten
und die Kriege des Königs war die Wirtschaft allerdings unter Druck geraten.
Der Hauptgrund für zeitweilige Engpässe in der Versorgung waren vermutlich
in der Korruption und Nachlässigkeit der zuständigen Beamten zu suchen.
Die Arbeiter im Königsgräbertal, die für das religiöse Gefühl
der Zeitgenossen eine sehr heilige Arbeit verrichteten, wollten aber keinesfalls
hinnehmen, daß ihr Lebensstandard sank. So legten sie denn mehrere Male
Kupfermeißel und Malerpinsel nieder, und verließen ihren Arbeitsplatz
im Tal der Könige, um zu protestieren. Ihre Vorgesetzten versuchten nach
Kräften und unter großen Schwierigkeiten, zwischen den Arbeitern
und den Beamten zu vermitteln

Ramses III. mit seinem Sohn Amunherchepeschef
Relief aus QV55
In der Zeit um 1160 v. Chr. regierte in Ägypten Pharao Ramses III., der
mächtigste König der 20. Dynastie. Wie seine Vorgänger herrschte
er in den prächtigen Residenzstädten Memphis und Pi-Ramesse im Nildelta.
Religiöses Zentrum aber war die ehemalige Hauptstadt Theben in Oberägypten
geblieben. Dort stand der Tempel von Karnak, das gewaltige Heiligtum des Reichsgottes
Amun-Ra und seine mächtige Priesterschaft dominierte die Priester der anderen
ägyptischen Götter.
Dort, in Theben, wollte Ramses III. nach seinem Tod begraben werden. Seit Beginn
des sogenannten Neuen Reichs fanden die Pharaonen hier ihre letzte Ruhe. Dieses
Privileg hatte die ehemalige Hauptstadt behalten, auch in der Zeit, als der
politische Schwerpunkt des Reichs längst im Norden lag.
Auf dem Westufer des Nil lag die riesige Nekropole, denn das Jenseits befand
sich nach Auffassung der alten Ägypter im Westen. Hier erstreckte sich
zu Füßen eines felsigen Gebirgszuges die Totenstadt mit ihren Tempeln
für längst dahingegangene Pharaonen, mit ihren Königspalästen
und den herrschaftlichen Villen hoher Beamter. Hier lebten die Priester der
Totentempel; Nekropolenarbeiter, Frauen, Händler, Wasserträger und
Mumienbereiter eilten geschäftig zwischen den Gebäuden hin und her.
Dort wo das Fruchtland an die Wüste grenzte, duckten sich die Hütten
der Bauern. Dies war die ehrfurchtgebietende Stadt für die Ewigkeit.
„Dein Name ist hoch und mächtig und stark. Das Gottesland grünt
aus Liebe zu dir. Man bringt dir Wohlgerüche, um deine Tempel festlich
zu machen. Die Weihrauchbäume tropfen Myrrhen für dich. Die Berge
bringen dir Steine, um die Tore deiner Tempel groß zu bauen.
Die Bösen wurden von Theben gelöst und man rühmt es als die Herrin
der Städte, die gewaltiger ist als jede Stadt.“
In dem abgelegenen Tal in den Bergen über der Nekropole schlug man prunkvolle
Gräber für die toten Herrscher in die Felsen. Die Königsgräber
wurden mit aller nur erdenklichen Pracht ausgestattet, denn schließlich
sollten die Könige im Jenseits nichts von dem Luxus vermissen, den sie
im Diesseits gewohnt waren. Die irdischen Körper der Verstorbenen wurden
mumifiziert. Wenn sie ewigen Bestand hatten, konnten sie als verbindendes Element
zwischen diesseitigem Kult und jeseitiger Wiederbelebung wirken.
Den ‚Großen Platz der Wahrheit‘ nannten die Ägypter diesen heiligen
Ort.
Die Menschen, die ihr Leben lang die Gräber aus dem Fels meißelten
und mit Zeichnungen und Reliefs ausstatteten, waren die Diener am Platz der
Wahrheit.
Das Tal der Könige
Nicht weit vom Tal der Könige entfernt befand sich das Dorf, in dem diese
Handwerker und Künstler mit ihren Familien wohnten. Heute heißt der
Ort Deir el-Medina, damals war die Siedlung so bekannt, daß man nur ‚der
Ort‘ ,Pa Tíme‘ sagen mußte und jeder Ägypter wußte,
wovon die Rede war.
Eines Tages aber ergriff in diesem Dorf ein Schreiber den Binsengriffel und
verfaßte einen Brief an den obersten Staatsbeamten in Theben, den Wesir
namens To.
Ein sog. "Streikostrakon"„An
den Wedelträger zur Rechten Pharaos, den Wesir To. Der Nekropolenschreiber
schreibt seinem Herrn in Leben, Heil und Gesundheit. Dies ist ein Brief, um
meinen Herrn wissen zu lassen, daß ich an den Gräbern der Königskinder
arbeite, deren Errichtung mein Herr befohlen hatte. Ich arbeite sehr sorgfältig
und ganz vortrefflich, mit schönen und guten Fortschritten. Mein Herr braucht
um die Gräber nicht besorgt zu sein, denn ich arbeite sehr ordentlich,
und ich bin keineswegs müde.
Ich teile meinem Herrn mit, daß wir Handwerker äußerst elend
geworden sind. Alle Sachen für uns, die wir aus dem Schatzhaus, der Scheune
und dem Magazin erhielten, sind weggelassen worden. Nicht leicht ist aber das
Schleppen von Steinen. Man hat uns anderthalb Zentner Gerste wieder fortgenommen,
um sie uns als anderthalb Zentner Dreck zu geben! Möge mein Herr handeln,
daß unser Lebensunterhalt uns gewährt wird! Denn wir sind schon am
Sterben, wir sind kaum noch am Leben, denn man gibt uns unsere Sachen nicht.“
Wie konnten die Dorfbewohner in eine so verzweifelte Lage kommen? Litten sie
tatsächlich Hunger? Wo blieben die Lebensmittellieferungen? Wo blieb der
Lohn für ihre Arbeit?
Die Arbeit der Grabbauer galt im Alten Ägypten als heilige Arbeit. Immerhin
betraf sie magische Geheimnisse, ja, grenzte an göttliche Sphären.
Deshalb lebten die Handwerker abgeschieden von der übrigen Bevölkerung.
Mit der Produktion von Nahrungsmitteln hatten sie nicht viel zu tun, denn sie
sollten sich ganz auf die Arbeit in den Gräbern konzentrieren können.
Was sie zum täglichen Leben benötigten, erhielten sie und ihre Familien
von der staatlichen Verwaltung. Ihr oberster Dienstherr war der Wesir. Er trug
Sorge dafür, daß die Bewohner von Deir el-Medina in Wohlstand lebten,
was für die breite Masse der Ägypter keineswegs selbstverständlich
war.
Ramses II., Bronzestatue im Museo Egizio, TurinDaß
die Versorgung der Grabhersteller hervorragend sein sollte, hatte bereits Pharao
Ramses II. angeordnet: „Die Scheunen sollen überfließen an
Getreide, damit nicht ein Tag des Mangels an Lebensunterhalt eintritt. Es ist
für jeden von euch monatlich festgesetzt, und ich fülle euch die Magazine
mit allen Dingen an Brot, Fleisch, Kuchen für euren Unterhalt, Sandalen,
Kleidern und allerlei Salben zum Salben eurer Häupter für alle zehn
Tage, die Kleidung aber für jedes Jahr und die Sandalen für eure Füße
täglich. Nicht soll einer von euch einschlafen, indem er aus Not seufzt.
Ich gebe euch zudem viele Leute, die euch gegen Mangel versorgen: Fischer, um
Fische zu bringen, zudem Gärtner, um Gemüseabrechnungen zu machen.
Ich lasse Gefäße herstellen auf der Töpferscheibe, um Behälter
herzustellen zum Wasserkühlen für euch im Sommer. Auch fährt
für euch Oberägypten nach Unterägypten und Unterägypten
nach Oberägypten mit Emmer, Gerste, Weizen, Salz und Bohnen ohne Zahl.“
Seit jeher wurden die Handwerker von Deir el-Medina für die geleistete
Arbeit mit Naturalien entlohnt. Geld im heutigen Sinn war im pharaonischen Ägypten
ohnehin unbekannt, alle Geschäfte waren Tauschgeschäfte. Der Warentausch
wurde hauptsächlich auf der Basis von Getreide oder Öl, manchmal auch
von abgewogenen Stücken Edelmetall durchgeführt. Mit diesen Dingen
konnten die Arbeiter auch sparen, denn Getreidesäcke, Ölkrüge
und Silberringe ließen sich leicht aufbewahren. So konnte man auch größere
Anschaffungen wie Rinder, Esel, Möbel oder Särge tätigen.
Selbstverständlich wurde den Leuten von Deir el-Medina auch ihr Arbeitsmaterial
zugeteilt. Kupfermeißel, Hämmer, Farben oder Lampendochte waren kostbares
Wirtschaftsgut. Als einmal das Werkzeug nicht rechtzeitig eintraf, verfaßte
ein Schreiber eine dringende Mahnung an den Wesir: Ferner gute Wünsche
an meinen Herrn des Inhalts, daß wir nicht genügend ausgerüstet
worden sind mit Meißeln und Gips. Die Handwerker Pharaos haben die Herstellung
von Meißeln beendet; die aber sind noch immer in ihren Händen. Möge
mein Herr es dem Schatzhausvorsteher Pharaos berichten und möge er an den
Stellvertreter des Schatzhauses Pharaos schreiben, damit der Meißel und
Körbe liefert. Möge er der Bauverwaltung schreiben, um sie zu veranlassen,
daß sie uns mit Gips versorgen, und möge er an die beiden Nekropolenschreiber
schreiben, daß sie uns mit Meißeln versorgen.“
Jetzt aber herrschte plötzlich Mangel in Deir el-Medina. Die Handwerker
seien am Sterben, hatte der Nekropolenschreiber behauptet. Doch daß die
Lage so dramatisch war, darf bezweifelt werden. Die staatlichen Aufzeichnungen
vermerken, die Nilüberschwemmung sei so hoch wie immer ausgefallen und
man habe üppige Ernte eingefahren. Wenn die Lieferungen also tatsächlich
ins Stocken kamen, dürfte behördliche Schlamperei der Grund gewesen
sein. Vielleicht hatte auch ein korrupter Beamter Teile der Waren abgezweigt
und auf dem Schwarzmarkt verkauft. In jedem Fall aber dürften die Folgen
nicht annähernd so trostlos gewesen sein, wie in dem Brief behauptet wurde.
Immerhin hatten manche Dorfbewohner Vorräte angelegt. Die meisten waren
wohlhabend genug, um sich ihren Weizen auf Thebens Märkten kaufen zu können,
wenn sich die Lieferung einmal verspätete. Keine nackten Existenzsorgen
plagten die Leute, es verdroß sie vielmehr, daß ihr Wohlstand gemindert
wurde.
Offenbar erhielten die Handwerker die rückständigen Lieferungen nach
einiger Zeit. Aber bald darauf gab es wieder Probleme mit den Lohnzahlungen.
Im 29. Jahr König Ramses des III. notierte der Nekropolenschreiber Amun-nacht:
„Jahr 29, 2. Monat der Überschwemmungszeit, Tg 21.
An diesem Tag: entgegengenommen die Klage der Arbeiterschaft durch den Schreiber
Amun-nacht. Zwanzig Tage sind mittlerweile vergangen, ohne daß uns die
Getreideration gegeben worden ist.“
Gasse in Deir el-MedinaAmun-nacht
bekleidete seit vielen Jahren das Amt des ranghöchsten Schreibers in Deir
el-Medina. Er kannte jede der sechzig Familien und die Menschen lagen ihm sehr
am Herzen. Keine Frage, daß er sich sofort für sie einsetzte und
durch die glühende Sommerhitze vom Dorf hinunter in die Ebene marschierte,
um die Lieferungen persönlich einzuklagen.
„Er begab sich zum Totentempel des Haremhab. Man brachte daraufhin
46 Sack Emmerweizen und gab es ihnen im 2. Monat der Überschwemmungszeit,
Tag 23.“
Die 46 Sack Weizen waren zwar bei weitem nicht die gesamten Außenstände,
aber offensichtlich genug, um die Handwerker fürs erste zufriedenzustellen.
Der Totentempel des vor vielen Generationen verstorbenen Königs Haremhab
gehörte organisatorisch zum Großen Amuntempel von Karnak. Bleibt
also festzuhalten, daß hier ein Tempel die Arbeiter versorgte, was eigentlich
Sache der staatlichen Verwaltung gewesen wäre. Der Einfluß der Tempel
im öffentlichen Leben stieg demnach und die königliche Verwaltung
verlor an Boden. Das ist ein Hinweis auf politische Veränderungen. Kann
man daraus aber ableiten, daß es llgemeine, landesweite Unruhen gab? Ja
durchaus. Es gibt dafür noch ein weiteres Indiz. In Schreiber Amun-nachts
Notiz findet sich nämlich ein Zusatz: „Man ernannt den Wesir To
zum Wesir von Ober- und Unterägypten.“
Statt der Verwaltung nur eines der beiden Landesteile vorzustehen, erhielt
To die Macht über den gesamten Staatsapparat. Vielleicht rechnete man mit
Aufruhr und dachte, nur ein besonders mächtiger Wesir könne dem wirkungsvoll
begegnen. Offenbar ist es nämlich auch andernorts zu Unzufriedenheit der
Bevölkerung und zu Engpässen in der Versorgung gekommen. Die großen
Bauvorhaben Ramses III. mögen zu dieser Situation beigetragen haben: die
gewaltige Tempelanlage von Medinet Habu war vor einiger Zeit fertiggestellt
worden. Legionen von Bauarbeitern mußten damals lange Zeit versorgt werden,
was die Vorräte schmelzen ließ.
Außerdem belasteten die großen Kriege Ramses III. den Staatshaushalt
schwer. Ägypten hatte von Westen einfallende Libyer und gegen das Delta
vorrückende Seevölker abwehren müssen. Viele Menschen waren gestorben
und die Wirtschaft auf Jahrzehnte hinaus unter Druck geraten.
Deir el-MedinaNicht
lang nachdem Amun-nacht wenigstens einen Teil des Lohns organisiert hatte, blieben
die Zahlungen erneut aus. Die Stimmung in Deir el-Medina war äußerst
gereizt und zum ersten Mal kam es zu Arbeitsniederlegungen. Amun-nacht notiert:
„Jahr 29, 2. Monat der Winterzeit, Tag 10.
An diesem Tag: Streik durch die Arbeiterschaft. Sie sagen: wir haben Hunger!
18 Tage des Monats sind schon vergangen!“
Voller Zorn verließen die Männer ihre Arbeitsplätze im Tal
der Könige. Sie stapften den schmalen Pfad zwischen den Felsen hinunter
in die Ebene. Kopfschüttelnd blickten die Vorarbeiter und die Schreiber
ihnen nach und begaben sich ihrerseits ins Dorf zurück, wo sie über
die nächsten Schritte beratschlagten. Als die Arbeiter nicht zurückkehrten,
machten sich die Vorgesetzten auf die Suche. Auch Schreiber Amun-nacht forschte
zunächst in der trutzigen Tempelfestung von Medinet Habu nach den streikenden
Arbeitern. Vergebens! Dort waren sie nicht. Also mußte nun die gesamte
Ebene mit allen Totentempeln durchkämmt werden. Nach langem Suchen wurden
die Arbeiter schließlich aufgestöbert.
„Sie saßen an der Rückseite des Totentempels Thutmosis III.
Da kamen der Nekropolenschreiber, die beiden Vorgesetzten, die beiden Stellvertreter,
die beiden Verwaltungsbeamten und riefen ihnen zu: ‚Kommt in den Tempel herein!‘
Sie schworen große Eide und sagten: ‚Wir haben das Wort Pharaos!‘
Doch man blieb tagsüber an dieser Stelle, verbrachte jedoch die Nacht in
der Nekropole.“
Mochten die Vorgesetzten noch so sehr beteuern, daß sie Nachrichten vom
König hätten, daß die Lieferungen bald einträfen, die mißtrauischen
Handwerker glaubten kein Wort. Sie blieben sitzen – wie die Aufzeichnungen zeigen
– und ließen sich erst abends erweichen, ins Dorf zurückzukehren.
Wenn die Arbeiter geglaubt hatten, daß ihre Forderung nach Versorgung
nun erfüllt würde, sahen sie sich getäuscht. Nichts geschah!
Es gab weder Nachricht von Pharao, noch wurden die Rationen ausgeteilt.

Das Ramesseum, der Totentempel Ramses II.
Die Handwerker waren zutiefst empört. Belogen und betrogen fühlten
sie sich! Es kam wie es kommen mußte: aufs Neue wurde die Arbeit niedergelegt!
Diesmal zog man zum Totentempel Ramses II., wild entschlossen, sich nicht noch
einmal mit Lügen und leeren Versprechungen abspeisen zu lassen.
Die Handwerker drangen in die Tempelanlage ein, ließen sich in einem
den Innenhöfe nieder und beschlossen, keinesfalls abends nach Hause zurückzukehren.
Tatsächlich verbrachten sie die ganze Nacht im Ramesseum. Was tun? Auch
der Oberpolizist Monthmose nahm Partei für die Streikenden. Er erklärte,
er wolle den Bürgermeister von Theben um Unterstützung angehen. Feuer
und Flamme für die gute Sache brach er auf und setzte über den Nil.
Seltsamerweise finden wir an dieser Stelle des Papyrus mitten in der Schilderung
des Streiks den Vermerk, daß ein Arbeiter 55 süße Kuchen im
Tempel kaufte, während Monthmose sich auf dem Weg zum Bürgermeister
befand. Dies bestätigt den Verdacht, daß es weniger nacktes Elend
war, weswegen die Arbeiter streikten, als vielmehr Empörung über die
Zurücksetzung und Mißachtung. In ihren Erklärungen machten die
Leute allerdings gehörig Druck mit ihrer angeblichen jammervollen Not.
„Wegen des Hungers und des Durstes sind wir hierher gekommen. Es gibt
keine Kleidung, keine Salbe, keinen Fisch und kein Gemüse. Schickt zu Pharao,
unserem guten Herrn, deswegen. Und schickt zum Wesir, unserem Vorgesetzten,
damit Nahrung für uns bereitgestellt werde.“
Tempelschreiber nahmen die Aussagen der Streikenden zu Protokoll und danach
wurde endlich gehandelt. „Die Rationen für den ersten Monat der
Winterzeit wurden ihnen an diesem Tag übergeben.“
Diese Zuteilung war seit zwei vollen Monaten überfällig gewesen!
Es war der Bürgemeister von Theben, einer der höchsten Beamten, der
auf die Intervention des Polizisten Monthmose die Ausgabe veranlaßte.
Damit war eigentlich bewiesen, daß durchaus Vorräte vorhanden waren,
diese aber zurückgehalten wurden.
Außerdem sahen die Arbeiter mit Erbitterung, daß ihnen wieder nur
ein Teil der Lebensmittel ausbezahlt wurde. Besonders erbost daüber zeigte
sich Monthmose. Nach dem Motto ‚jetzt erst recht‘ stachelte er die Männer
zu weiteren Protestmaßnahmen an. Er stellte sich vor sie hin und hielt
eine flammende Ansprache:
„Seht, ich sage euch meine Meinung. Steht auf, nehmt eure Werkzeuge,
verschließt eure Türen, holt eure Frauen und Kinder, und ich selbst
werde vor euch hergehen zum Totentempel Sethos‘ I. Ich werde euch dort bis morgen
sitzen lassen.“
Etwas für ägyptische Verhältnisse ganz Unglaubliches geschah
da. Ein Vertreter der Obrigkeit, der Polizeichef von Deir el-Medina, stellte
sich gegen die Staatsmacht! Und Menschen, die in völliger ökonomischer
Abhängigkeit standen, weigerten sich, den königlichen Beamten zu gehorchen.
Solches Verhalten verstieß eigentlich schon fast gegen die göttliche
Ordnung! Zur ägyptischen Mentalität passte es jedenfalls nicht. Ihr
entsprach eher die Anweisung in einer alten Lehrschrift: „Ist die Masse
wütend, so gebe man sie in ein Arbeitshaus!“
Doch der Zeitgeist veränderte sich. Die Menschen von Deir el-Medina machten
die Erfahrung, daß man Forderungen durchsetzen konnte, wenn man sie nur
mit dem entsprechenden Nachdruck stellte! Der Streik als Kampfmittel wurde entdeckt,
die Arbeitsniederlegung als Methode, gegen Behördenwillkür vorzugehen.
Leider erreichten die Arbeiter auch diesmal nur einen Teilerfolg. In der Siedlung
wollte absolut keine Ruhe eintreten. Nach kurzer Zeit stockten die Lieferungen
erneut. Die Nerven aller waren zum Zerreißen gespannt. Schon bald entlud
sich die unterschwellige Gereiztheit in Zwist und Hader zwischen den Dorfbewohnern.
Bei einer neuerlichen Arbeitsniederlegung machten sich die Vorarbeiter und Schreiber
auf, die Leute zurückzuholen. Vor Zorn wurde der Arbeiter Mose richtiggehend
ausfallend: „Sowahr Amun dauert, sowahr der Herrscher dauert, der, dessen
Macht größer ist als der Tod. Sollten sie mich heute hier wegholen,
so soll der Herrscher niederliegen, nachdem er sein Grab verflucht hat. Ich
werde nicht weichen!“
Solche Worte waren Majestätsbeleidigung und damit Gotteslästerung.
Mose wurde hart bestraft, nicht wegen seiner Aufsässigkeit, sondern wegen
Beleidigung des Königs. „Die Prügelstrafe wurde ihm gegeben
wegen seines Eides im Namen Pharaos dort.“
Szene vor Gericht: die Prügelstrafe wird vollzogen

Malerei aus dem Grab des Menena, TT69
NR, 18. Dyn., Thutmosis IV.
Jetzt unterstützen die Vorgesetzten die Kampfmaßnahmen der Handwerker
nicht mehr so ohne weiteres. Immer öfter kam es zu wilden Streiks.
„Verweigerung durch die Arbeiterschaft an der Rückseite des Dorfes.
Die drei Vorgesetzten machten ein großes Geschimpfe gegen sie vom Tor
des Dorfes aus.“
Häßliche Szenen müssen sich da abgespielt haben. Völlig
entnervte Vorarbeiter und Schreiber schrien herum, während die Arbeiter
immer kaltblütiger handelten. Entschieden lehnten sie es ab, die Arbeit
wieder aufzunehmen. Und plötzlich war da ein neuer Vorwurf: „Bestellt
euren Vorgesetzten, so sprachen sie, daß wir nicht zurückkehren.
Nicht wegen des Hungers haben wir die Königsgräber verlassen. Wir
haben eine wichtige Erklärung abzugeben: Wahrlich, Böses ist geschehen
an diesem Platz Pharaos!“
Die reine Wahrheit sprächen sie, beteuerten sie heftig.
Dies war eine ganz unerwartetete Wende. Was war das Schlimme, weswegen gestreikt
wurde? Der Bericht erzählt nicht, worum es sich handelte. Aber eines ist
klar: die rein wirtschaftlichen Gründe für die Arbeitskämpfe
waren in den Hintergrund getreten.
Schreiber Amun-nacht nahm den Papyrus zur Hand, auf dem er die bisherigen Ereignisse
festgehalten hatte und wischte den Text säuberlich ab. Dann verfaßte
er einen neuen Bericht, in dem er noch detaillierter jede einzelne Äußerung
aufschrieb. Unregelmäßigkeiten im Tal der Könige, am Großen
Platz der Wahrheit, erforderten fehlerlose Gründlichkeit.
Vermutlich wollten die Handwerker in ihrem Bericht dunkel andeuten, irgendwer
habe sich an den Königsgräbern zu schaffen gemacht, den heiligen ‚Wohnungen
für die Ewigkeit‘ der Pharaonen. Eine furchtbare Anschuldigung und sehr
heikel dazu, denn so etwas war bereits wiederholt vorgekommen. Zu groß
war die Versuchung, sich an den ungeheuren Schätzen zu vergreifen, die
in diesen Gräbern lagerten. Was genau geschehen war, wissen wir nicht.
Auf jeden Fall belauerten auch in der Folgezeit Handwerker und Vorgesetzte im
Dorf einander voller Mißtrauen und Groll.
Wesir To war während dieser Zeit in ganz Oberägypten unterwegs gewesen,
um Götterfiguren einzusammeln, die für das Fest anläßlich
des 30. Regierungsjubiläums des Königs in der Hauptstadt benötigt
wurden.
Am 28. Tag des 4. Monats der Winterzeit traf er wieder in Theben ein. Die Abordnung
aus Deir el-Medina wartete schon auf ihn. Klagen über Klagen prasselten
auf den Wesir hernieder. Sie gipfelten in dem Vorwurf, er, der Wesir selber,
habe ihnen ihren Lohn gestohlen. Entrüstet wies To diese Anschuldigungen
von sich: „Ich kam nicht etwa, weil nichts zu euch zu bringen war. Und
was euren Vorwurf anbetrifft: ‘ Nimm nicht unsere Rationen fort!‘: Gab ich,
der Wesir, etwa den Befehl, sie fortzunehmen? Habe ich nicht gegeben, wie es
meine Pflicht ist? Wenn es geschah, daß nichts in den Kornspeichern war,
so habe ich euch das gegeben, was ich dort gefunden habe!“
Wie immer, wenn gestreikt wurde, folgte auch diesmal sofort eine Zuteilung.
Man versuchte allerdings, die Handwerker mit nur der Hälfte der fälligen
Monatsration abzuspeisen.
Die Gründe für diese Behördenwillkür lassen sich heute
nicht mehr nachvollziehen. Gab es tatsächlich Engpässe in der Getreideversorgung
oder sollten, was wahrscheinlicher ist, Unterschlagungen ungetreuer Beamter
vertuscht werden? Verständlicherweise wuchsen Unmut und Zorn in der Bevölkerung
von Deir el-Medina. Mußte man nun jede halbe Monatsration erst erstreiken?
Jetzt riß dem Vorarbeiter Chonsu der Geduldsfaden. Während Schreiber
Amun-nacht den Weizen ausgab, stellte sich Chonsu vor die Leute und rief: „Seht,
ich sage euch, nehmt den Lohn und steigt hinab zum Hafen und zur Verwaltungsstelle!
Laßt die Leute des Wesirs es ihm erzählen.“
Vielleicht lag am Hafen das Flußschiff, mit dem die halbe Monatsration
herbeitransportiert worden war. Jedenfalls scheinen Beamte des Wesirs dort gewesen
zu sein. Schreiber Amun-nacht riet allerdings dringend ab, zum Fluß zu
gehen und schickte gleich noch eine Drohung hinterher: „Geht nicht zum
Hafen! Wahrlich, ich habe euch zwei Sack Emmerweizen in dieser Stunde gegeben.
Aber falls ihr jetzt geht, so werde ich euch ins Unrecht setzen vor jedem Gerichtshof,
zu dem ihr deswegen gehen solltet.“
Amun-nacht hatte Erfolg. Er hielt die Leute auf, indem er ihnen klarmachte,
daß es zu so geharnischtem Protest keinen Grund gab. Kein Gericht würde
ihnen rechtgeben.
Der Grabarbeiter Pasched und seine FamilienangehörigenDie
Handwerker hätten vielleicht besser daran getan, ihre Proteste fortzusetzen,
denn die Versorgung klappte auch weiterhin nicht. Verbittert und am Ende ihrer
Nervenkraft machten sich die Männer schließlich zu einer neuen Demonstration
auf.
‚Wir sind hungrig‘ sagten sie, an der Rückseite des Totentempels des
Merenptah. Sie sprachen den Bürgermeister von Theben an, als er gerade
vorbeikam und der ließ ihnen sagen:
‚Ich habe euch diese 50 Sack Emmerweizen zu eurem Lebensunterhalt gegeben, bis
Pharao euch die Rationen geben wird.‘ „
Das klingt nach einem fürsorglichen Beamten. Aber alles, was wir von diesem
Bürgermeister wissen, deutet daraufhin, daß er durchaus nicht immer
so menschenfreundlich handelte. Von einer OpferstiftuSng unterschlug er beispielsweise
den Handwerkern den ihnen zustehenden Anteil. Der Schreiber notierte: „Ich
werde nach Theben gehen, um beim Hohenpriester des Amun eine Anklage gegen den
Bürgermeister von Theben vorzubringen. Er gab den Handwerkern nicht das
Brot des Gottesopfers. Ein großes Verbrechen ist das, was er tat!“
Es ist sicher als Hinweis auf die wachsende Bedeutung der Amunpriesterschaft
zu werten, daß man sich in diesem Fall an den Hohenpriester dieses Gottes
wandte. Es dauerte nicht lang, bis der gesamte Briefwechsel zwischen den Dorfschreibern
und dem Wesir über den Hohenpriester lief. Auch die Belieferung mit Lebensmitteln
wurde seiner Aufsicht unterstellt.
Dennoch kam es bis zum Tod des Pharao Ramses III. immer wieder zu Unruhen.
Sie dauerten bis weit in die Regierungszeit Ramses IV. an. Wir wissen wenig
über die Streikgründe im einzelnen. Vermutlich handelte es sich auch
in dieser Zeit um wirtschaftliche Probleme. Das jedenfalls behaupteten die Arbeiter:
„Wenn wir also gestreikt haben, geschah dies, weil wir Hunger hatten,
weil kein Holz mehr da war, kein Gemüse und keine Fische.“
Und als hierzu die Meinung eines Gerichts eingeholt wurde, erklärten die
Richter kurz und bündig:
„Die Arbeiter der Mannschaften im Königstal haben recht.“

Zwei wichtige Dokumentationen (und ein Spielfilm)

Umsonst is dat nie from Weltfilme on Vimeo.

A Las Barricadas from Weltfilme on Vimeo.

Animal Farm – Aufstand der Tiere – Farm der Tiere (1954)

Die Gruppe De Moker

Quelle: a corps perdu – internationale anarchistische Zeitung (2/2009)

Die rebellische Jugend in der holländischen libertären Bewegung der wilden Zwanziger

Der Aufstand der Jugend

Hermann Schuurmann (1897 – 1991), der Autor der Broschüre Arbeit ist ein Verbrechen, war einer der Mitbegründer der Mokergroep (moker: Hammer 1, groep: Gruppe). Diese Gruppe bestand aus den sehr frei um die Zeitschrift De Moker organisierten, jungen revolutionsbegierigen Proletariern. Der Untertitel der Zeitschrift lautete damals Opruiend blad voor arbeiders … [Agitationsjournal für junge ArbeiterInnen]. Über mehr als vier Jahre, von Ende 1923 bis Sommer 1928, wühlte die Mokergoep die proletarische und die libertäre Bewegung in Holland auf:
«Dies kann, nein, dies sollte wie ein Hammer­schlag auf ihre Ohren ertönen: Wir, die Jugend­lichen weigern uns radikal, uns weiterhin hinter den schmutzigen Tricks der Alten der Bewegung einzureihen […]. Alle sollen wissen, dass wir in dieser Gesellschaft machtlos, gottlos, geldlos und vorzugsweise arbeitslos sind und dass wir auch gegen diese ethisch-religiöse Bewegung sind. Wir ändern dieses abscheuliche, stets wiederholte Recht auf Arbeit um in ein Recht auf Faulheit 2, denn hierbei handelt es sich um die ersten Auswir­kungen der Vernichtung. Zerstörung! Bakounine war auch als alter Mann noch ein Revolutionär und deshalb zeigte er den Weg der Zerstörung. Hat sich die Situation des Proleten verbessert? […] Nein! Tausend mal nein! Die politische und gewerkschaftliche Organisation hat das Fundament des Systems intakt gelassen. Man wollte nur den “Exzess” des Systems verändern, und sogar hierbei ist man völlig gescheitert […]. Die Arbeit war schon immer die Devise der Bourgeoisie, aber auch der Parteiführer und der Gewerkschaften. Heute – und in diesem Sinne wiederholt sich die Geschichte endlos, ohne dass das Proletariat etwas daran gewinnt – kündigen sogar Vollblutanarchisten in ihren Organen jubelnd an, dass in Belgien die Arbeitsstellen zugenommen haben. Deshalb bemühen wir uns keineswegs darum, eine einheitliche Organisation aufzubauen: Wir kennen keine einheitliche revolutionäre Front, wir anerkennen und fördern die Solidarität in den Fabriken und Betrieben, um zur Sabotage anzuregen. Den Boden für Agitation finden wir überall….» 3
Einer der jungen Libertären präzisierte später:
«Die Gruppen De Moker und Alarm existierten nicht um als Gruppe zu existieren, sondern wurden aus einer gewissen Anzahl Menschen zusammengestellt, die das Bedürfnis verspürten, die Erweichung in den älteren Generationen zu bekämpfen und diese Alten anzugreifen.» 4
Alarm, gegründet im Mai 1922 und De Moker sehr nahestehend, hatte bereits einen Artikel gegen die Arbeit veröffentlicht, der sich auch auf Lafargue bezog:
«Der Kapitalismus zieht seine Existenzgrundlage aus der Arbeit und steckt dabei den Mehrwert in seine eigene Tasche. Er würde untergehen, wenn ihm diese Arbeit, d.h. dieser Profit entzogen würde. Paul Lafargue, der Autor von Recht auf Faulheit, sagt, dass die Arbeit in dieser Gesell­schaft eine Schande ist. Nun wäre er jedoch radikaler gewesen, hätte er sein Werk Die Pflicht zur Faulheit genannt. Die Pflicht der Revolutionären ist dem Kapitalismus seine Existenz­grundlage zu entziehen. Aus diesem Grund ist die gewerkschaftliche Organisation konter­revolutionär: Anstelle von Sabotage und faulem Ungehorsam preist die Gewerkschaft das Recht auf Arbeit und belässt dabei die Arbeiter in dem Glauben, sie könnten irgendeinen Vorteil daraus ziehen. [….]
Aber die gewerkschaftliche Organisation existiert nur dank der Lohnversklavung: Geht die Lohnarbeit unter, so geht die gewerkschaftliche Organisation mit ihr unter. Da letztere nur durch und dank dem Kapitalismus existiert, bleibt ihr nichts anderes übrig, als an seinem Wiedererbau mitzuwirken. Dabei werden die Arbeiter durch den Kampf um Lohn konstant von dem Umsturz des Kapitalismus abgelenkt. Als Anarchisten müssen wir nicht nur den Kapitalismus bekämpfen, sondern ebenso unseren inneren Feind: Die gewerkschaftlichen Organisationen. Der Kapitalismus und der Syndikalismus haben nämlich einen gemeinsamen Feind: Die Faulheit. Dort wo die Kapitalisten und die wichtigen Entscheidungsträger permanent die Pflicht und das Recht auf Arbeit beteuern, müssen die Revolutionären überall die Pflicht und das Recht auf Faulheit propagieren.» 5
Im Gegensatz zu den Leuten von Alarm, die übrigens nicht zwingend älter waren, definierten sich jene von De Moker explizit als «Jugendliche» – so sagt Schuurman selbst: «Wir, die Jugend, haben ein zu grosses Recht auf das Leben, zu viel Leidenschaft, zu grosse Überzeugung und Selbstvertrauen, zu viel Willen und Mut, um uns so verarschen zu lassen.» 6 Trotzdem reagiert Alarm mit Begeisterung auf das Erscheinen von De Moker, im Gegensatz zu fast der gesamten proletarischen und libertären Presse:
«Sehr erfrischend. Einzig zur Propagierung der Sabotage publiziert. Genau wie Alarm bekämpfen sie jede Form von Lohnarbeit, denn die Arbeiter verstehen nicht, dass “so lange die Lohnarbeit existiert, die Ausbeutung eine Tatsache bleibt”. Die Zeitung kämpft also gegen die gewerkschaftliche Organisation, denn “die Gewerkschaften tragen zur Trägheit der Arbeiter bei”. Acht dieser jungen Anti-Syndikalisten wurden bereits wegen Agitation und Staatsgefährdung vor Gericht gestellt. Diese Zeitschrift ist also sehr vielversprechend. Die junge Generation soll die Lohnarbeit hassen, sie soll faul werden: Darin liegt der Untergang der Bourgeoisie.» 7
Tatsächlich waren die meisten Leute von Moker anfangs zwischen siebzehn und dreiundzwanzig Jahren alt. Schuurman war relativ «alt» im Vergleich zu den anderen der Gruppe. Ausserdem stammten alle Begründer der Gruppe und alle Zeitungs­redakteure aus den radikalsten Strömungen einer Jugendemanzi­pationsbewegung. Eine Bewegung die Ende 19. Jahrhunderts mit der Industrialisierung entstand, die Holland etwas später erreichte, dessen lokale Auswirkung jedoch nicht weniger katastrophal als in anderen Ländern war. Davon betroffen waren besonders die jungen Menschen, daher die stark antikapitalistische Tendenz in dieser Bewegung. Diese jungen Leute sahen sich manchmal ab dem zwölften Lebensjahr schon beim kleinsten Ausdruck von Unzufriedenheit auf der Strasse mit den Säbeln der Polizei und den Gewehren der Armee konfrontiert: Sie verstanden also schnell, welche Ordnung in den Niederlanden verteidigt wurde. Zudem bildeten genau sie das Fussvolk der Armee, da sich die Reichen durch die Bezahlung einer Steuer dem Militärdienst entziehen konnten und trugen gleichzeitig dem Ausdruck einer stark antimilitaristischen Tendenz bei: Auf diesem fruchtbaren Boden wurde 1904 in Amsterdam die Internationale Antimilitaristische Vereinigung (IAMV) gegründet, inspiriert durch Ferdinand Domela Nieuwenhuis, «Grossvater» der sozialistischen und libertären Bewegung. Am Gründungskongress nahmen Delegierte aus England, Spanien, Belgien, der Schweiz und Frankreich (repräsentiert durch die Ligue antimilitariste, gegründet unter anderem von Georges Yvetot) teil. Die niederländische Abteilung war jedoch die einzige, die einen beachtlichen Erfolg erzielte: Mit Slogans wie «Keinen Menschen, keinen Groschen der Armee» und «Krieg dem Krieg», die systematisch von antikolonialistischen Losungen «Die Indonesier von Holland zu befreien» 8 begleitet wurden, fungierte sie mehrere Jahrzehnte lang, bis hin zum zweiten Weltkrieg, als Verbindungsstück zwischen verschiedenen libertären und antimilitaristischen Gruppierungen, die sich an den Kongressen und Sitzungen trafen, an den Kampagnen teilnahmen und zusammen die Zeitung De Wapes Neder [Nieder mit den Waffen] verbreiteten.

Mit dem Ende des ersten Weltkrieges erreichte die revolutionäre Welle, welche die alte Welt überflutete auch unser flaches, sich «neutral» nennendes Land 9: Aufstände gegen Lebenskosten und Versorgungs­ausfall, unzählige proletarische Demonstrationen, Streiks und sogar Meuterei in einer Kaserne. Im Umfeld der sozial-anarchistischen Jugend (Sociaal-Anarchistische Jeugd Organisaties, SAJO), eine Gruppierung junger Proletarier, die sich gegen die «Schlaffheit» der existierenden Organisationen auflehn­ten, versuchten einige nebst der Amsterdamer Börse auch ein Sprengstofflager in unmittelbarer Umgebung der Stadt in die Luft zu jagen. Das Pech brachte ihre Pläne jedoch zum Scheitern. In den Sitzungen und Publikationen dieser sozial-anarchistischen Jugend mischten sich die Diskussionen über die Prinzipien, aber auch und vor allem über die Praktiken der «Diktatur des Proletariats» mit jenen über die Rolle der Parteien und Gewerkschaften im revolutionären Kampf. Etwa um 1919-1920 hat die antibolschewistische Tendenz der sozial-anarchistischen Jugend, die den Organisationen jeglichen repräsentativen Charakter absprachen, alle anderen Organisationen in den Schatten gestellt, da sich jene den verschiedenen «erwachsenen» Organisationen anschlossen, den Kommunisten bis zu den Syndikalisten. Diese radikale Tendenz scharte sich 1922 um die Monatszeitschrift Alarm, die sich auf dem Modell von Nabat aus der revolutionären Ukraine10 stützte, und schloss sich etwas später der Moker-Gruppe an.

Viele Moker-Mitglieder, wie Herman Schuurman selbst, gehörten vor dem Beitritt zur sozial-anarchistischen Jugend dem Verein jugendlicher Anti-Alkoholiker an (Jongelieden Geheelonthoudersbond, JGOB). Die Gewichtung, die in der sozialistischen Bewegung dem Antialkoholismus zugesprochen wird, ist bestimmt eine niederländische Besonder­heit (selbst der berühmte Domela Nieuwenhuis erfand den Slogan: «Ein Arbeiter, der trinkt, denkt nicht. Ein Arbeiter, der denkt, trinkt nicht.»). Den Erfolg des Antialkoholismus bei der subversiven Jugend lag bestimmt zu einem grossen Teil an dem Kalvinismus, der die holländische Bevölkerung tief geprägt hat. Ausserdem haben viele junge Proletarier aus nächster Nähe miterlebt, wie der Alkoholismus die eigene Szene und die eigene Familie zerstörte. Für sie bedeutete der Antialkoholismus einerseits eine Emanzipation der Persönlichkeit und anderseits ein Protest gegen die sozialen Verhältnisse und stellte schon fast eine Bedingung für jegliche soziale Veränderung dar. Die Debatten der sozial-anarchistischen Jugend fanden auch im Umfeld des Vereins jugendlicher Anti-Alkoholiker statt. Und auch wenn einige seiner Mitglieder zu den Kommunisten wechselten, organisierten Herman Schuurman und seine sozialistischen Genossen Ende 1920 den Begründungskongress des Verbands der freien Jugend (Vrije Jeugd Verbond, VJV), wo folgende Grundsatzerklärung entstand:
«Der Verband der freien Jugend ist eine nationale Vereinigung junger Menschen, die sich bewusst sind, dass sie vor der lebenszerstörenden Situation nicht resignieren können. Jeder auf seine Weise und wenn möglich gemeinsam, arbeiten wir an der geistigen und sozialen Revolution.
Dort, wo unsere Gesellschaft, die im Kapitalismus ihren Ausdruck findet und im Militarismus der daraus folgt, sich nur durch die Zerstörung der freien menschlichen Persönlichkeit aufrecht erhält, stellt sich der VJV hinter “die freie menschliche Persönlichkeit”. Um die Entwick­lung der freien menschlichen Persönlichkeit anzutreiben, akzeptiert der VJV jedes Mittel, um die Faktoren, die dieses Ziel behindern, zu zerstören – Faktoren wie der Kapitalismus, der Militarismus, die Schule und die Religion.»
Der junge Herman Groenendaal, der ebenfalls den Verband der Antialkoholiker verlassen hatte, um dem Verband der freien Jugend beizutreten und der wegen Militärverweigerung im Gefängnis sass, startete im Juni 1921 einen Hungerstreik. Mit dieser Aktion löste er eine gigantische antimilitaristische Kampagne aus, die vom internationalen antimilitaristischen Verband lanciert und koordiniert wurde; während mehreren Monaten fanden Demonstrationen, Protestveranstaltungen und Streiks statt, an denen tausende Arbeiter teilnahmen. Weitere aufsässige Fahnenflüchtige taten es Groenendaal gleich und traten ebenfalls in den Hungerstreik. Anfangs November, als die Bewegung zu stagnieren begann, verübte eine kleine Gruppe von Aktivisten einen Bombenanschlag auf das Haus eines der Richter von Groenendaal, der vorallem beabsichtigte, die «Passivität» der Gewaltfreien (was übrigens auch auf Groenendaal zutraf) zu kritisieren. Einer der Täter sagte später:
«Die Leute waren verwundert, dass niemand von uns dreien eine spektakuläre Rede hielt, in dem Stil, wie es in Deutschland bei den alten Sozialdemokraten zur Zeit Wilhelms II. üblich war, und dass unsere Verteidiger unsere Ansichten nicht teilten. Zu Unrecht, denn die Tat war unsere Propaganda. Wir haben das gemacht, was wir zu sagen hatten. Unsere Aussage war an die Bourgeoisie und an das Proletariat gerichtet. Und das, was wir für die Zukunft zu sagen haben, bleibt stets dasselbe, auf etwas verschiedene Weise ausgedrückt. […] Was wir als aller erstes mit unserem Anschlag sagen wollten ist: Nun, Proletarier, ihr empfindet tiefe Bewunderung für den gewaltfreien Groenendaal, dann wacht auf und denkt über diesen Anschlag nach.» 11
Natürlich provozierte dieser Anschlag einiges an Unstimmigkeiten und nur wenige Menschen schätzten diese Art von Kritik. Diejenigen, die ihr zustimmten und die Kampagne zur Verteidigung der Täter – die man zu schweren Strafen verurteilte – organisierten, bildeten bald die Gruppen im Umfeld von Alarm und etwas später von De Moker. Die beiden Gruppierungen waren sich sehr nahe, genau wie die sozial-anarchistische Jugend und der Verband der freien Jugend, so dass De Moker die Grundsatzerklärung des Verbands übernahm. 12

Der von De Moker und Alarm verkündete Antimili­tarismus unterscheidet sich systematisch vom libertären Antimilitarismus, der stark vom Pazifismus und der Ethik nach Tolstoï geprägt war – von dieser grundsätzlichen «Gewaltfreiheit», die mehr und mehr in jeder Protestbewegung um sich griff, um sie zu frustrieren und zu ersticken. Die Kritik des Militarismus, die von den Mokers entwickelt wurde, will tiefgreifender und konkreter sein. In einer Auseinandersetzung mit dem Manifest einer Gruppe mit bolschewistischen Tendenzen, das die Jugend aufruft, «den Umgang mit den Waffen» zu lernen, schildert Jo de Haas die Verknüpfung von Armee und Militarismus mit dem Staat und dem Kapital:
«Was für Spassvögel! Wir können nicht mit dem Krieg Schluss machen ohne die Weltrevolution, behaupten sie. Und für diese Marxisten, entspricht die Revolution einer Schlacht! Jeder versteht die absurden Konsequenzen davon. Der Kapitalismus hat Mittel erfunden, die fähig sind innert vierundzwanzig Stunden aus einer Stadt wie London einen Friedhof zu machen. “Die proletarische Armee” müsste somit über Gas, Bakterien, usw. verfügen, um in zehn Stunden aus London ein Friedhof zu machen. Denn sonst ist die Schlacht – die “Revolution”, wie sie es nennen – schon im voraus verloren […]. Dies haben bereits die Schüler verstanden, die sich nie auf eine Schlägerei einlassen würden, ohne einen Stock, der mindestens zehn Zentimeter länger ist, als jener ihres Gegners.
Dies muss die Jugend jedoch verstehen: Die Sozialdemokraten streben nach der Eroberung der Staatsmacht. Im oben genannten Manifest steht geschrieben: “Wenn der Kapitalismus zerstört ist und überall die Arbeiter selbst die Staatsmacht in die Hand nehmen, wird der Krieg unmöglich.” Hier verbirgt sich der Betrug! Denn die Arbeiter werden die Staatsmacht nicht in die Hand nehmen. Es ist die Führung, die dies übernehmen wird! Dies ändert vieles und erklärt alles. […] In Russland wird die rote Armee von weissen Generälen angeführt, die genau wie hier auf die Streikenden schiessen und Frauendemonstrationen zerschlagen lassen. Stellt euch einen Moment lang vor, dass diese Soldaten nicht geschossen hätten…» 13

Hämmernde Kritik

Unbestritten war Herman Schuurman eine zentrale Figur von De Moker, zumindest in den ersten Jahren, als er der Redakteur der Zeitschrift war, zahlreiche Artikel und Übersetzungen aus dem Deutschen publizierte und üblicherweise auch das Deckblatt 14 gestaltete. Unter dem Titel «Notizen eines Jugend­lichen» lieferte er regelmässig seine Kommentare und Analysen über aktuelle Geschehnisse im Ausland und die Folgerungen, die er für seine niederländischen Genossen daraus zog. Zum Beispiel in De Moker vom 10. Februar 1924:
«In England sind die Sozialdemokraten plötzlich an die Macht gekommen. Dank einer forcierten Regierungskrise, der Auflösung des Unterhauses und den Wahlen, erhielten sie eine grosse Anzahl Sitze. Die Arbeiter werden nun dieselben Wohltaten geniessen, wie die, die in Deutschland und Österreich von den Chefs der II. Internationalen erbracht wurden. Die englischen “sozialistischen” Minister standen den führenden Sozialdemokraten des grossen Kapitals unterwerflich und auf eine besonders nette Art zu Diensten […]. Wie all ihre Vorgänger sind sie kriecherische und sklavenhafte Diener des grossen anglo-niederländischen Erdölkonzerns Royal Dutch Shell Co. […] Diese Herren wollten in den Niederlanden dasselbe kleine Spielchen spielen. Während der Regierungskrise erklärte Trolestra [Führer der Sozialdemokraten], dass die SDAP die Führung der Regierung übernehmen wollte. [….] Was ihnen nicht gelang. […] Diese Verräter der Arbeiter würden noch so gerne in die Regierung eintreten. Denn damit wären sie in Sicherheit. […] Die Arbeiterführer sind die grössten Feinde der Menschheit. Sie können ihrer Machtgier nur freien Lauf lassen, solange die Arbeiter Sklaven bleiben.»
In De Moker vom 1. Januar 1925:
«Der diplomatische Vertreter von Russland hat Mussolini in Rom zu einem Festmahl eingeladen, sein Kollege in Berlin wurde vom Nuntius Pacelli, dem Vertreter des Papstes, besucht. In London hat Rakovski [für Rakovsky, ein russischer Diplomat] einen Toast auf den englischen König gesprochen. Und Krass (für Krassine, ein weiterer russischer Diplomat) ist diese Woche in Paris angekommen. Alles spielte sich im Rahmen der alten machiavellistischen Tradition der Diplomatie ab. Mit durchwegs kapitalistischer List, wissen die russischen Despoten die Interessen der verschiedenen Staaten gegeneinander auszu­spielen, wovon das Volk, die Arbeiter dann letztlich die Opfer sind. […]
Am 19. Dezember ist es ein Jahr her, dass die ungeschützten Gefangenen massakriert wurden, die sich in der bolschewistischen Hölle auf der Insel Solovetsky am Weissen Meer befanden. Auf der ganzen Welt wird dieser Tag in den Seelen der Herzen, die die Freiheit des Menschen lieben, eingeprägt bleiben. Und sie wissen, dass sie alle Regierungen zerstören müssen, bis nichts mehr übrig ist.»
In De Moker vom 15. Oktober 1926, während des grossen Streiks der Minenarbeiter in England:
«Endlich! Endlich Neuigkeiten aus Frankreich, die Hoffnung aufkommen lassen, die aufzeigen, dass die Minenarbeiter sich nicht länger von den Reden und Konferenzen betrügen lassen und nun gewillt sind, die letztendlich einzige Methode anzuwenden, um die Beständigkeit des Kapitalismus zu zerschlagen – nämlich jene, der Sabotage […]. Jetzt, da die Entscheidung, die Minenarbeiten zu stoppen, endlich gefällt wurde [wegen dem Explosions-, Einsturzrisikos, etc.], breitet sich das Geheule der “Arbeiterführer” aller Sorten von überall her aus. […]
Die Führer, die nach einem Jahr Sitzungen und Briefverkehr wussten, dass die Regierung und die Minenbesitzer auf diesen Streik vorbereitet waren und solange durchhalten konnten, bis die Arbeiter aufgaben;
Die Führer, die die Regierung anflehten, keinen “Generalstreik” zu provozieren;
Die Führer, die inständig für Ruhe und Ordnung baten und dafür sorgten, dass der Lebensmittel- und Kohletransport reibungslos weiterfunktionierte.
Diese Führer beschweren sich nun lautstark, dass die Arbeiter – nachdem tausende von ihnen die Hoffnung aufgegeben haben – endlich beginnen in Betracht zu ziehen die Minen zu über­schwemmen. Aus revolutionärer Sicht ist dies die einzig richtige Methode. Wenn es den Arbeitern nicht möglich ist, die Betriebe zu besetzen, sollten sie vernichtet werden. […]
Auch in den Minen der Niederlande droht ein Arbeiterstreik […]. Es wird so bleiben, solange die Gewerkschaften der Minenarbeiter die Macht in ihren Händen haben. Eine Geschichte des Verrats und des Märtyrertums, wie heute in England und vor zwei Jahren mit den Textilarbeitern in Twente. Genossen, setzen wir alles daran, dass im Falle einer Handlung, diese eine revolutionäre Form annimmt. Verstärken wir unsere Bemühungen, damit sich die Arbeiter endlich den langen Streiks widerstreben. Unterstützt die Besetzung der Betriebe, ansonsten, macht Platz der Sabotage!»
Während des zweiten Jahres verschwindet Schuurman aus dem Redaktionskomitee (das anonym wird). Dennoch dauert die Zusammenarbeit mit De Moker noch bis 1927 an, als er sich vor allem in der internationalen Kampagne für Sacco und Vanzetti einsetzte. Wenig später verlässt er die Bewegung und zieht sich in sein Privatleben zurück 15. Mit Die Arbeit ist ein Verbrechen hat er perfekt das zusammengefasst, was die Moker-Jugend in die Praxis umzusetzen versuchte, ihr Programm. Nach mündlicher Überlieferung bestand die Gruppe aus ungefähr fünfhundert Jungen und Mädchen (die deutlich in der Minderheit waren), aus dem ganzen Land, insbesondere dem Norden und dem Westen. Es gab keine führenden Personen, abgesehen davon, dass das Redaktionskomitee von De Moker den Inhalt der Zeitschrift festlegte. In zahlreichen Ausgaben findet man Listen mit nicht angenommen Artikeln und einer stark zusammengefassten Begründung wie: «unangemessen, Brief folgt», «sehr verwirrt, versuche dich auf einen Punkt zu fixieren», «zu lange», «schlecht verfasst», «widersprüchlich», usw.. Am vierteljährlichen Kongress wertete die Versammlung die Redaktion aus und ernannte unter Umständen neue Redakteure. Es existierte auch keine Mitgliederliste: Es reichte aus, auf irgendeine Art bei De Moker mitzuwirken. So steht in «einem zusammefassenden Bericht der vierteljährlichen Sitzung der “Mokers” vom 10.April 1927»:
«Im Vergleich von einigen Jahren können wir feststellen, dass sich die Kommunikation auf nationaler Ebene verbessert hat und dass sich die Jugendlichen der verschiedenen Landesteile untereinander besser kennenlernten. Ausserdem gibt es internationale Kontakte. Wir haben eine unabhängige Zeitschrift […] voller kleiner kräftiger Artikel, die von der Jugend selbst verfasst wurden. Ausserdem wird die Zeitung auch von den Jugendlichen selbst an die Menschen verteilt: Sie ist Ausdruck eines wunderschönen Aspekts des Kampfes.» 16
Für viele Beteiligte bestand die Mitarbeit bei De Moker hauptsächlich darin, monatlich die drei- bis teilweise sogar viertausend Exemplare zu verteilen, was oft Auseinandersetzungen mit politischen Gegnern und der Polizei provozierte. Dies führte zu Verhaftungen, während die Zeitungen oft beschlagnahmt und die Redakteure mehrfach zu harten Strafen verurteilt wurden. Doch die Mokers sahen diese Repression als Propaganda für ihre Sache. Nach einer Reihe von Durchsuchungen, Verhaftungen von Mitarbeitern bis nach Anvers in Belgien, der Verurteilung eines Redakteurs zu zwei Monaten Gefängnis und den Schüssen, die von der Amsterdamer Polizei während einer Auseinandersetzung abgefeuert wurden, konnte De Moker folgendes behaupten:
«Somit wurde unser Moker die Zeitung, von der sich die Besitzenden und Chefs am meisten bedroht fühlen, weil wir die Jugend dazu auffordern, Menschen zu sein. […] Weil wir der Jugend bewusst machen, dass der Kapitalismus durch ihre Arbeit besteht und dass sie ihm deshalb ihre Arbeitskraft verweigern müssen. [….] Aus diesem Grund hetzt die Macht ihre blutrünstigen Hunde auf uns. In unserem grossartigen Kampf für die Vermenschlichung der Menschheit steht uns die Front der unerbittlichen Besitzenden und Chefs gegenüber.» 17
In diesem Artikel, wie in vielen anderen, sieht man, wie die Ideen Bakunins hervordringen. Insbesondere jene aus Gott und der Staat, seines bekanntestes Buches, das auf Niederländisch mit der grössten Auflage erschien. In diesem Werk spricht er von der menschlichen Emanzipation gegenüber der religiösen Unterwürfigkeit – in der er die Ursprünge des tierischen Wesens im Menschen sieht – und von der «Aufgabe» des Menschen, immer menschlicher zu werden und gleichzeitig Gott und den Staat abzu­schaffen. Auch für die Jugend von De Moker war die Freiheit die Essenz des Lebens. Ihre Kontrahenten innerhalb der Bewegung haben sie oft wegen ihres «extremen Subjektivismus», ihres risikohaften Verhaltens und dem, was sie «Märtyrerbereitschaft» nannten, verunglimpft, ungeachtet der Tatsache, dass von vielen der Arbeiter selbst der Alltag als «etwas Märtyrerhaftes» betrachtet wurde (und wird) – und dies nicht nur von denen, die die Arbeit als ein Verbrechen ansehen. Trotzdem heisst das nicht, dass die Mokers keine Versuche unternahmen, der unvermeidlichen Repression die Stirn zu bieten. Zum Beispiel machte man folgenden Vorschlag, um die Militärverweigerer zu schützen: “Wie in Amsterdam, wo das ganze Quartier sich auflehnt, wenn ein Arbeiter von der Polizei aus seiner Wohnung geworfen wird, genauso muss das Quartier protestieren, wenn ein Verweigerer von der Polizei aus seiner Wohnung geführt wird. Und wenn man versucht, ihn an seinem Arbeitsplatz zu verhaften, dann sollen sich seine Genossen solidarisch zeigen und die Arbeit niederlegen.» 18 In De Moker ermahnte man manchmal die Wildesten zu etwas mehr Vorsicht gegenüber den Polizeikräften. Gewisse Texte weisen darauf hin, dass eine Diskussion über die Guerilla-Methoden am Laufen war. Anfangs 1926, nach einem gescheiterten Versuch, sich mit den moderateren Mitgliedern des Verbands der freien Jugend zusammenzuschliessen, nahm das Redaktionskomitee als kollektive Unter­schrift den Namen «Teun der Abbrucharbeiter, umher­ziehender Vertreiber von Dynamit und Brecheisen» an, wo die Artikel hingegen nur mit Initialen oder Fantasienamen wie «Rebell», «Jemand», «Rotznase» unterschrieben wurden. In diesem Zusammenhang muss man die relative Undurchdringlichkeit der Moker-Gruppe erkennen. Die Mitglieder der verschiedenen Gruppen kannten sich gut, trafen sich bei ihnen zu Hause, teilten alles und operierten in freundschaftlichen Banden. So bildeten sie eine Schranke gegen kleine Profiteure, die sich auf Kosten ihrer Genossen als Revolutionäre aufspielten, aber auch gegen Polizeispitzel.

Es ist klar, dass die Methoden der Jungen «Mokers» in erster Linie provokativ waren. Dasselbe gilt auch für ihre Moral, wie streng sie uns heute auch erscheinen mag. Jungen und Mädchen konnten frei miteinander verkehren, sie badeten nackt, sie tranken nicht und viele von ihnen waren Vegetarier, das Rauchen wurde nicht gern gesehen, genauso wie den moralisch ausschweifenden Lebenswandel. Sie vagabundierten, hatten Kontakte mit der deutschen Landstreicherbewegung und einige reisten ein bisschen überall in ganz Europa umher. Sie lehnten die Anfänge der spektakulären Genusses – den Fussball und das Kino – ab, da sie ihn mit «der Kirche und dem Bistro» gleichsetzten. Ein Redakteur, der mit seinem Vornamen Gerrit unterschreibt, erklärt sich dies folgendermassen:
«Die schädlichen Auswirkungen des Alkohols auf den menschlichen Körper sind ausreichend bekannt», dennoch «ist der Alkohol nicht die Ursache, sondern nur die Konsequenz von diesem ganzen Elend. Seht, wie nun der Schnaps vom “Sport” ersetzt wird. Wie sich die Menschen dem Schreien und Gebrüll um das Fussballfeld hingeben, während sich die Arbeiter­klasse immer mehr mit der Frage der Enthaltsamkeit beschäftigt. Und dies wird immer so sein. Jene, die sich die Passivität der Arbeiterklasse zu Nutzen machen, werden immer neue Methoden der Vergiftung finden. Solange ihr die Auswirkungen und nicht die Ursachen bekämpft, wird dies immer so sein. […] Oh, wir möchten all diesen Blauäugigen zurufen: “Hört auf euch gegen den Alkoholismus zu beschweren:” Kämpft nicht gegen den Exzess, sondern greift die Ursachen an. Kommt und “mokert” mit uns.» 19
Es gab sogar solche, die so sehr «gegen das System» waren, dass sie auf die Sozialhilfe verzichteten, auf die sie ein «Recht» hatten. Und wenn viele unter ihnen trotzdem arbeiteten, um zu überleben, dann waren dies vor allem Gelegenheitsjobs, die ihnen keine Existenzsicherheit gaben. Für den Rest gaben sie sich der Zechprellerei hin, «singend und tanzend verdienten sie ihr Leben» – wie es ihnen die angepassten Kleinbürger vorwarfen: «Die falsche Ethik des Kapitalismus und den Respekt gegenüber dem Privateigentum haben wir verbannt. Nach den Bedürfnissen zu leben und die Besitzenden zu enteignen sind für uns vernünftige und moralische Lebensprinzipien.» 20 Von den Sabotageakten, die sie so lebhaft propagierten, sind mit Ausnahme von einigen breit angelegten Aktionen wenige Spuren zu finden. So erzählt ein Ex-Moker später, dass sie einen wichtigen Knoten des Elektrizitätsnetzes in Amsterdam sabotierten und zwar so gut, dass «es kein Licht mehr gab und die Fabriken nicht mehr funktionierten» 21. Am 1. Juli 1924 erwähnte De Moker mit Zustimmung eine Explosion eines Pulverlagers, Brände in einem Hangar für Artillerie, in einem Gendarmeriegebäude und in einem Waffenlager. Als die Repression etwas später seine Mitarbeiter trifft, reagiert De Mokers mit Frechheit und zeigt sich glücklich darüber, dass die Presse Propaganda für ihre Ideen macht. 22 Trotz alldem blieb der Einsatz von Sprengstoff in Holland eine Seltenheit.

Wie es in ihrer Grundsatzerklärung erwähnt wird, ist das Schulsystem eines ihrer Ziele. «Alle Schulen müssen in Brand gesteckt werden», schreibt Jacob Knap in De Moker: «Das Schulsystem macht aus den Kindern feige, schlaffe Menschen ohne Bewusstsein, die sich so sehr daran gewöhnen, herumkommandiert zu werden, dass sie die Demütigung nicht mehr erkennen. […] Die Emanzipation wird erst dann erreicht, wenn die Proletarier ihre Führer fortjagen und von sich selbst aus agieren.» 23 Trotzdem waren die Leute der Moker-Gruppe nicht nur «Aktivisten», generell gesehen waren sie Wissbegierige. Die gebildeten unter ihnen – oft Lehrer, die aufgrund ihrer Vorstrafen keine Anstellung mehr fanden oder aus Prinzip nicht im Schulsystem arbeiten wollten – halfen den anderen. Sie lasen die «Klassiker» – zumindest die wenigen Bücher, die auf Nieder­ländisch oder im Notfall auf Deutsch übersetzt waren. Sie machten Musik, organisierten Sprachkurse (unter anderem Esperanto), Zeichnungskurse und Kurse für andere grafische Techniken und schenkten der Form ihrer Publikationen grosse Wichtigkeit. Sie organisierten auch Konferenzen und Debatten, die viele Menschen anzogen und oft sehr hitzig waren. Zusammen mit De Moker verteilten sie auch Alarm und andere libertäre Zeitschriften, sowie dutzende Broschüren und Büchlein über die antimilitaristische, anarchistische und proletarische Bewegung. Neben den vierteljährlichen Kongressen, die sie zusammen mit anderen Gruppierungen des Verbands der freien Jugend durchführten, organisierten sie jährlich während den Pfingstferien libertäre antikapitalistische und vor allem antimilitaristische «Mobilisierungen». So berichtet De Moker am 10. Juli 1926 über «die dritte Pfingstmobilisierung der antimilitaristischen Jugend» in Soest: Die Polizei und die Armee patrouillieren, an den Landesgrenzen wird versucht, die ausländischen Genossen zu blockieren. Unter ihnen dreihundert Holländer, zweihundert Deutsche, und andere aus Belgien, der Schweiz, Österreich, England und Frankreich. In Frankreich werden unermüdliche Anstrengungen für die Agitation gegen den Krieg in Marokko und Syrien gemacht. Dort ist es sehr schwierig Propaganda zu machen: Für das Aufhängen von Plakaten drohen sechs, acht oder mehr Monate Gefängnis. Die Militärverweigerung ist in Frankreich praktisch unmöglich. Ein Verweigerer wird jedes Mal zu fünf Jahren Knast verurteilt, bis er das Alter von achtundvierzig Jahren erreicht hat.» (Und heute noch, während die in Holland sowie überall hart «erkämpf­ten Rechte» schnell wieder abgeschafft wurden, können die lokalen Unterdrücker mit ihrer Milde verglichen mit ihren Kollegen aus den Nachbarländern prahlen.)

Kurz vor seinem plötzlichen Tod, drückte Klaas Blauw mit bitteren Worten die Frustration und die Motivation, dieser Aufgebrachten (ohne Revolution) aus:

«Fast alles, was man heutzutage Arbeit nennt, zerstört unsere Körper […]. Die Menschen zerstören ihre Körper mit der schlechten Nahrung, die sie selbst produzieren. Sie zerstören ihre Köpfe mit Worten und Ideen, die sie auf sich nehmen, um sich mit ihrer Existenz abzufinden. Falls dies nicht ausreicht, gibt es den Alkohol, Morphium, Fussball, Kino und Frauen, um das Elend zu vergessen und die Religion, um von einem kommenden Glück zu träumen. […] Und wir? Wir wollen, so lange wie möglich, einen lebenden Körper, Gesundheit, Kraft und ein denkendes Gehirn, wir wollen kreieren und geniessen. Wir wollen unseres und alles Leben geniessen […] Wir haben Ideen, doch wir können sie nicht in die Realität umsetzen. Wir träumen von guten und schönen Sachen, doch erlaubt die Gesellschaft nicht, dass wir sie zum Ausdruck bringen und sie physisch greifbar machen. […]
Der Staat hält uns in seinem Netz der Gesetze gefangen, mit geschriebenen und ungeschriebenen Regeln und Vorschriften. Wenn wir trotz allem unseren Trieb nicht beherrschen können und wir etwas tun wollen, dann können wir unserem “jugendlichen Leichtsinn” freien Lauf lassen auf den eintönigen Mauern der Gefängnisse, als durchnummerierte Gauner. Unsere Herzen glühen vor wildem Hass gegen diese Gesellschaft, die das mit uns macht, die uns zwingt, uns durch die Arbeit selbst zu vergewaltigen oder dem Nichtstun zu erliegen. Aber wir erheben uns und unterliegen nicht.
Wir nutzen unsere Kräfte, wir werden SCHWITZEN und SCHUFTEN. Aber unsere einzige Arbeit ist die Beseitigung einer lukrativen Organisation, die sich kapitalistische Gesell­schaft nennt. Es ist die einzige Arbeit, die uns jetzt gefällt, denn so befreien wir die Erde. Sie befriedigt uns nicht, wir müssen das Neue erschaffen können, das nicht wie das Alte erstarrt, sondern sich bewegendes Leben sein soll. Aber vorher… können wir nicht anders.
Kapitalist nimm dich in Acht, ob klein, gross, ganz oder halb. Arbeiter nimm dich in Acht, wenn du gegen uns bist und für deinen Chef kämpfst oder du selbst nach der Macht strebst. Nehmt euch in Acht, denn derselbe makabre Tanz wird euch mitreissen. Wir beseitigen euren Staat mit Hammerschlägen – und eure Köpfe werden folgen. Denn ihr seid die Feinde des Lebens, solange ihr nicht mit uns kämpft.» 24

Auszüge aus Herman J. Schuurmans, Arbeit ist ein Verbrechen und Els van Daeles, Die Gruppe «De Moker», Die rebellische Jugend in der holländischen libertären Bewegung der wilden Zwanziger, Editions Antisociales, Amsterdam-Paris, 2008

Notes

1 Ein moker (im Fachjargon auch vuist, «Faust» genannt) ist eine Art kleiner Hammer (vgl. Moker-Logo).
2 Die erste niederländische Übersetzung der bekannten Broschüre von Lafargue. Sie wurde von J. de Wachter erstellt und erschien im Jahr 1916.
3 J. Verhave, «Het moet!» («Man muss»), De Moker Nr. 4, 10. Februar 1924.
4 Fike van der Burght, Die moker en alarmgroepen bestonden niet om te bestaan als groep: sociaal anarchistiese jeugdbeweging in Nederland 1918-1928 [Die Gruppen De Moker und Alarm existierten nicht um als Gruppe zu existieren: Die Bewegung der sozial-anarchistischen Jugend in den Niederlanden von 1918 bis 1928], Amsterdam, 1982, S. 44. Zahlreiche Informationen in diesem Text stammen aus dem genannten Buch und aus dem Werk von Ger Harmsen, Blauwe en rode jeugd. Ontstaan, ontwikkeling en teruggang van de Nederlandse jeugdbeweging tussen 1853 en 1940 [Blaue und rote Jugend. Entstehung, Entwicklung und Rückgang der Jugendbewegung in den Niederlanden von 1853 bis 1940], Nijmegen, 1975.
5 A. J. Jansma, «Luiheid en kapitalisme» [«Faulheit und Kapitalismus»], Alarm. Anarchistisch maandblad, nr. 6, 1922.
6 Fike van der Burgh, vgl., S. 35
7 Meldung zur Erscheinung von De Moker von Jo de Haas, in Alarm, im Januar 1924.
8 Der niederländische Staat, der 1799 das Prädationsrecht auf dem indonesischen Archipel erbte, das bis anhin von den holländischen Kompanien des oriantalischen Indiens gehalten wurde, sieht sich ein Jahrhundert später in der Epoche des «Imperialismus» gezwungen, sein Monopol gegen die schonungslose Gier der neuen Konkurrenten in der Plünderung zu verteidigen und unternahm als Reaktion eine unheilsverkündende «Befriedung» des «Ceinture d’émeraude», um sich dort definitiv seine Macht zu sichern und daraus grösseren Profit zu ziehen. Im Rahmen mehrerer militärischer Kampagnen, in welchen man mit äusserster Grausamkeit dem heftigen Widerstand der indigenen Bevölkerung entgegnete, löste die holländische Armee schliesslich die noch immer intakten feudalen Beziehungen mit diversen Fürstentümern und Sultaneien auf, die die abolute Unterwerfung nicht garantieren konnten, und führte dort den modernen Kapitalismus und seine industrielle Ausbeutung des Grundes und des Untergrundes ein, mit seinen Erdölfeldern, seinen riesigen Minen und Plantagen, was eine Verlagerung des Proletariats auf die indonesischen Inseln, auf das asiatische Festland sowie nach Afrika mit sich brachte. Die regelmässige Aufdeckung der von der Armee und den Kolonien verübten Grausamkeiten, betrübte gewiss das öffentliche Bild von Holland, führten manchmal zu parlamentarischem Disput, doch nur die Anarchisten und, etwas später, die üblichen trotzkistischen Kommunisten aus Seevliet (Gründer der Partai Komunis Indonesia im Jahr 1914) und Rätekommunisten, bezogen entschlossen für den indonesischen Widerstand Stellung. Die Antimilitaristen stellten sich vor allem gegen «Das Senden junger Holländer zur Sicherung der Profite der orientalischen Bourgeoisie». Jene, die sich um Alarm und De Moker sammelten, präzisierten ihre Position, indem sie deklarierten «Die Indonesier vom Kapitalismus und somit von Holland befreien zu wollen»; und sie bekräftigten, dass der beste Unterstützungsbeitrag für die Indonesier in ihrem Befreiungskampf, sowie das beste Mittel um die nationalistische Sache von der Sache des internationalisti­schen Proletarischen überwunden zu sehen, das Untergraben der Wurzeln des Imperialismus in den Metropolen selbst ist: Das Untergraben des Kapitalismus.
9 Holland war während des ersten Weltkriegs offiziell «neutral» und blieb es bis zur Invasion der Deutschen im Mai 1940.
10 Nach Anton Constandse, Mitbegründer und Redakteur von Alarm, «fand eine Annäherung statt, zwischen den Rätekommunisten, die die Kommunistische Partei verliessen (wie Leen van der Linde, Piet Kooijman, Wim Hoeders) und anarchistischen Gruppen wie den Alarmisten, die einige radikale marxistische Konzepte über die Ökonomie übernahmen, die auch die des Syndikalisten Georges Sorel waren. Während der Zeit, als man sie zu den Anarchosyndikalisten zählen konnte, sahen auch sie in dieser Bewegung einen Ausdruck des Klassenkampfes, der ohne Umschweife zu allernächst auf die Betriebe abzielte. Die Idee der Betriebsbesetzungen war eine Form der «Diktatur des Proletariats», und also eben gerade nicht jene einer «Diktatur der Partei». Der übliche Anarchist der Alarmisten blieb von den Verbindungen mit den Rätekommunisten geprägt.» (De Alarmisten, 1918-1933, Amsterdam, 1975.)
11 Ein Zitat von Leen van der Linde in P. A. Kooijmans, Neem en eet. Bomaanslag en opruiing als sociale filosofie [Nimm und iss. Bombenattentat und Anstiftung von Revolte als soziale Philosophie], «Manifesten», L. J. C. Boucher, La Haye, ohne Datum (um die 1970er Jahre), S. 18-19. In dem anderen Abschnitt erklären sich die Urheber des Attentats schriftlich in P. A. Kooijman, L. v. d. Linde und Jo de Haas’s, De Revolutionnaire Daad, Uitgave: Agitatie-Commissie: Weg met de Partijen, de Vakorganisaties en de Bonzen [Die revolutionäre Tat, Ausgabe: Agitations-Kommission: Nieder mit den Parteien, den syndikalistischen Organisationen und den Bonzen], 1922. Anton Constandse merkte ausserdem an, das zwei der Attentäter aus dissidenten marxistischen Gruppen kamen. «Es war zu der Zeit bereits zu bemerken, das die sozial-Anarchisten gelegentlich mit Marxisten zusammenarbeiteten, denen die Rätekommunistischen Prinzipien zusagten. Sie fanden sich gegenseitig wieder in der Verteidigung des Aufstands von Kronstadt von 1921.» (Dr. A. I., Constandse, Anarchisme von de daad von 1848 tot heden [Die Anarchisten und die Propaganda der Tat von 1848 bis heute], La Haye, 1970, S. 178.). Um die Bewegung zu beschleunigen zu versuchen, stellten sie sich vor, den Bürgermeister von Amsterdam zu kidnappen und ihm jegliche Nahrung zu verweigern, bis Groenendaal befreit sei… Man plante auch ein Attentat auf einen Werftbesitzer zu begehen, der für das Aus­sperren der Metallarbeiter, die keine gute Leistung mehr erbringen konnten, verant­wortlich war; aber all dies bestätigte, dass ihr Hauptantrieb nicht die Solidarität mit Groenendaal war oder die antimilitaristische Sache, sondern eher ihr «zerstörerisches Verlangen» gegenüber dem gesamten kapitalistischen System.
12 Diese Deklaration wurde in jeder Ausgabe von De Moker abgedruckt. Die gemässigteren Mitglieder des Verbands der freien Jugend regruppierten sich um das Periodika De Kreet der Jongeren [Der Schrei der Jungendlichen], und etwas später, De Branding [Die Brandung]. Es existierte auch ein internes Blatt des Verbands, das beide Tendenzen abdeckte, namens De Pook [der Schürhaken]
13 De Moker, nr. 11, 1. Oktober 1924.
14 Siehe Illustration auf S. 66, Darstellung des Deckblats von De Moker, nr. 12, 1. Novembre 1924.
15 Es gab Konflikte und Streitereien zwischen den Leuten, kleine Machtspielchen, Gerüchte, etc., doch das ist mit dem bisschen Geschichte, die man kennt, und aufgrund mangelnder Dokumente schwierig zu beurteilen und wenig interessant.
16 De Moker, nr. 30, Mai 1927.
17 Herman Schuurman, «De Bloedhonden zijn los» [«Die Bluthunde sind los»], De Moker, nr. 12, 1. November 1924.
18 Rinus van de Brink, «Niet in de kazerne – Niet in de gevangenis» [«Weder in der Kaserne noch im Gefängnis»], De Moker, nr. 11, 1. Oktober 1924.
19 «Jeugd en alcohol zijn vijanden» [«die Jugend und der Alkohol sind einander Feinde»], De Moker, nr. 8, 1. Julli 1924.
20 De Moker, nr. 9, 1. August 1924.
21 Zitiert aus Fike van der Burghts, Die moker en alarmgroepen bestonden niet om te bestaan als groep, S. 27. Sie betonte auch, dass «es schwierig ist auszumachen, in welchem Ausmass man die Sabotage von Betrieben, Fabriken und Ateliers wirklich in die Praxis umsetzte. Diese Sachen schrieb man nicht nieder, das war zu riskant». Die Sabotage zielte ausserdem praktisch immer auf Gebäude oder Militä­rische Einrichtungen ab.
22 Herman Schuurman, «Wie zijn de brandstichters?» [«Wer sind die Brandstifter?»], De Moker, nr. 15, 1. Februar 1925.
23 Jac. Knap, «School- en Partijgif» [« Das Gift der Schule und der Partei»], De Moker, nr. 5, 1. März 1924.
24 «Daad-loos» [«Tatenlos»], De Moker, nr. 4, 10. Februar 1924.

Genau aus diesem Grund werden wir bewusst alle kapitalistischen Unternehmen sabotieren. Jeder Chef wird durch uns Verluste erleiden. Dort wo wir jungen Rebellierenden genötigt werden zu arbeiten, werden die Rohstoffe, die Maschinen und die Produkte notwendigerweise ausser Betrieb gesetzt. In jedem Moment werden die Zähne aus den Zahnradgetrieben fliegen, die Messer und die Scheren zerbrechen, die wichtigsten Werkzeuge verschwinden – und wir werden unsere Rezepte und Mittel bekannt geben.

Wir wollen nicht durch den Kapitalismus krepieren: Deshalb wird der Kapitalismus durch uns krepieren.

Herman J. Schuurman, Die Arbeit ist ein Verbrechen, 1924

Diejenigen, die denken, dass “mit einem Groschen mehr und einer Stunde weniger” die Revolution angeregt wird, beweisen schliesslich, dass sie nichts, und zwar wirklich gar nichts, von den psychologischen Faktoren verstanden haben, die zu einer solchen sozialen Veränderung führen und sie vorantreiben sollten. Und derjenige, der wie E.B. sogar so weit geht, und die “revolutionäre Übung” als Kampf für die Verbesserung des eigenen Schicksals im Rahmen der bestehenden Verhältnissen sieht und ein beschränktes kollektives Interesse aufbring, überschreitet die Grenze, an der der Ernst zum Lächerlichen wird.

De Moker, nr. 27, 15 November 1926

Unser Antifaschismus

Quelle: a corps perdu – Internationale Anarchistische Zeitschrift (1/2009)
Severino Di Giovanni, 1901 in Chieti (Italien) geboren, emigrierte 1923, kurz nach der faschistischen Machtergreiffung in seinem Heimatland, nach Buenos Aires. Sein kurzes Leben war von einer ununterbrochenen Agitation geprägt, von den Zeitschriften, die er ins Leben rief (Culmine, Anarchia) oder wofür er Artikel schrieb (L’Adunata dei Refrattari), bis zu den Flugblättern, Brochüren und Büchern die er unablässig publizierte. Aber auch von einer ganzen Serie von Enteignungen und diffusen Aktionen und nicht zu vergessen die Versuche gefangenen Gefährten zur Flucht zu verhelfen. Seine explosiven Angriffe richteten sich hauptsächlich gegen die italienischen Interessen (vom Konsulat bis zu Wohnungen oder Geschäften von Faschisten, die sich in Argentinien niedergelassen haben), aber auch gegen die amerikanischen, während der internationalen Kampagne, um Sacco und Vanzetti vor dem elektrischen Stuhl zu bewahren. Am 29. Januar 1931 wird er verhaftet, nachdem er auf der Flucht einen letzten Bullen getötet und einen weiteren verletzt hat. Drei Tage später wird er erschossen (einem seiner argentinischen Freunde und Gefährten, Paulino Scarfo, widerfährt am Tag darauf dasselbe Schicksal).

Ende 1926/Anfang 1927, zur Zeit dieser beiden hier vereinigten Texte von Di Giovanni, stellte sich die Frage des bewaffneten Kampfes gegen den italienischen Faschismus, neben Anarchisten und einigen seltenen anderen Revolutionären, nur für sehr wenige Menschen. Erinnern wir uns zum Beispiel daran, dass sich die Kommunistische Partei Italiens den Arditi del Popolo entgegenstellte, die 1921/22 in mehreren Städten versuchten, sich zusammen mit der Bevölkerung und mit den Waffen in den Händen gegen die wachsende Macht der Faschisten zu wehren. Was die sozialistischen Führer angeht: die selben, die dazu beitrugen, ab 1915 tausende Proletarier ins Massaker zu schicken, unterzeichneten im August 1921, auf dem Rücken der selben Arditi, ein Nichtangriffspakt mit ihren faschistischen Amtskollegen. Lasst uns schliesslich klar stellen, dass Togliatti, der nach Moskau geflüchtete historische Führer der PCI, im Namen seiner Partei die These verteidigte, die Strukturen des Regimes langsam zu infiltrieren, anstatt diese anzugreiffen. Im August 1936 publizierte er sogar einen Aufruf an die Faschisten, um ihnen eine Allianz vorzuschlagen.

Unser Antifaschismus

Die antifaschistische « Armee » wächst erschreckend an. Sie schwillt an wie eine trübe Schlammflut, die all die Überreste des Sturmes mit sich reisst, all den Ausschuss des diktatorischen Regimes (Sala, Fasciolo, Bazzi, Rossi, Rocca 1), diesen düsteren Haufen von Abenteurern.
Ricciotti Garibaldi, Raimondo Sala und andere berühmte, etwas verhülltere Personen (wozu auch die Brüder Ezio und Peppino Garibaldi gezählt werden sollten, und sei es nur, um dieses Geschlecht von Verrätern nicht zu leugnen, die der Sohn des seit kurzer Zeit verschwundenen Helden der beiden Welten 2 so gut zeugte) sind dabei, den selben schändlichen Verrat über uns ergehen zu lassen, den sie so gut unter dem roten Hemd verhüllten.
Wer kann uns schliesslich versichern, dass morgen nicht irgendein Ex-Faschist, trotz der lächerlichen Massnahmen, die der Infantilismus des Duce lancierte, zurückkehrt, um den Rängen der Totenköpfe wieder beizutreten, um sich noch einmal in den Dienst des Juge Iscariote [Mussolini] zu stellen? Können wir unser Vertrauen eines Tages einem Massimo Rocca 3 zurückgeben, aufgrund der schlichten Tatsache, dass er die am meisten anklagenden Texte gegen den Führer der Schwarzhemden geschrieben hat?
Können wir wieder Vertrauen aufbauen gegenüber so viel verkörperter Schändlichkeit? Gegenüber Menschen, die geboren sind, um zu verraten, uns genauso wie die Faschisten? Gegenüber Menschen die den Auftragsmördern halfen ihre Waffen zu schleiffen? Ich glaube nicht!
Unser Leidensweg ist sehr schwer gewesen, zu oft haben wir unser Vertrauen schon in die Hände des erst besten Abenteurers gelegt, als dass wir noch einmal die selben Fehler begehen und erneut falschen Idolen vertrauen würden.
Wir müssen diese Elendigen weit von uns stossen. Diese Alchemisten der Aufrichtigkeit anderer sind einzig der faulsten Affären würdig; diese Schurken, die noch immer im Blut der Opfer baden, einem Blut, das sie entlang des Weges, den sie begingen, im Überfluss vergossen haben.
Wir müssen uns selbst bleiben – ohne die rote Tscheka und ohne die schwarze Tscheka, ohne Fasciolo und ohne Rossi, und ohne die pseudo-revolutionäre Politikerbande – uns selbst sein, Anarchisten aus Überzeugung, Anarchisten in Überzeugung, Anarchisten mit Überzeugung.
Was die anderen betrifft: Genausogut wie sie sich heute in dem Schmelztiegel aller Niederträchtigkeit ergötzen können und sie sich heute selbst als Antifaschisten bezeichnen, um sich einen grösseren Anteil vom Erbe zu sichern, wenn der Faschismus stirbt, können sie morgen, wenn sie endlich am Hebel sitzen, ihrerseits eine andere faschistische Politik führen.
Wir können sie nicht davon abhalten, sich Antifaschisten zu nennen. Dass sie sich erregen, dass sie sich küssen, dass sie sich Lieben, und dass sie sich umschlingen, gewiss, aber nur unter sich. Ohne uns mit diesem Wort anzustecken oder zu imitieren: Antifaschismus, ein Wort, das für uns einen Sinn enthält, der revolutionärer, erhabener und aufständischer ist.
Mit ihnen – genauso wie mit den Faschisten – wird es niemals eine Versöhnung geben können. Auf gleiche Weise wie die Heerscharen des Totenkopfes von heute, sind sie gestern (ja, sie, die heutigen Antifaschisten, die Opponenten und politischen Flüchtlinge, sie, die in dem übel riechenden Sumpf der vorhergehenden Periode vor sich hin gelebt haben) Zuhälter gewesen, sie lebten in den Kulissen des Viminale 4 oder in den Kammern des Parlaments, während sie das Regime und seine Schandtaten guthiessen oder unterstützten.

Wir müssen fern von ihnen bleiben und gleichermassen jeglichen Kontakt mit irgendwelchen Abenteurern verweigern, denn sie können von einem Moment auf den anderen zu den schlimmsten unserer hinterhältigen Gegner werden, zu den abscheulichsten Giftspeiern, wie Schlangen, die kommen, um sich in unserem Schosse zu nesteln und uns anschliessend mit ihrem tödlichen Biss verwunden.
Unsere Tatkraft, eine überschwängliche Lebenskraft, eine endlose Hartnäckigkeit, äusserster Heldenmut und eine Aufopferung die sich jenseits des Ruhms erhebt, sind das uneinnehmbare Fundament, worauf wir zählen können, ohne irgendetwas oder irgendjemanden zu benötigen, um die letzte Schlacht zu liefern, die wir gegen den Faschismus aufgenommen haben.
Lasst uns dem Plebs – wovon wir der rebellierende Teil sind – den Mut und das Vertrauen geben, lasst uns aus Eisen sein, vor unserem Bewusstsein als Akraten, lasst uns keinen Daumenbreit von dem Fundament unserer Ideen zurückweichen und die schönsten Siege werden unser eifriges Agitationswerk krönen.
Frei, ohne den unflätigen Spott von unreinen Kontakten, stets auf der Hut bleibend vor dem Faschismus und vor dem Gelegenheits-Anti-Faschismus.

Wie kämpfen?

Man darf sich über die Fähigkeiten des Faschismus keine Illusionen machen. Von Aussen könnte ihn der erste Zusammenprall mit einem kriegfertigen Gegner zum Einsturz bringen, denn ein grosser Teil der von ihm versammelten ÅeHeldenÅf, sind entweder die Hinterhältigen des letzten Krieges, oder die ÅeWackerenÅf, die es gewohnt sind gegen unbewaffnete Feinde zu kämpfen; von Innen jedoch stürtzt er sich auf eine starke Polizei- und Militärstruktur.
Was die grossen Volks- und Proletariermassen angeht: sie sind noch zu terrorisiert und zu erniedrigt, sie spühren noch zu verbittert den vergangenen und den kommenden Verrat, um auf den ersten aufständischen Aufruf antworten zu können. Die letzten repressiven Gesetze und die „AusgangssperreÅg haben den aktiven und sinnvollen Widerstand noch einmal mehr geschwächt. Daraus folgt, dass es übermütig wäre, bereits heute einen frontalen Ansturm lancieren zu wollen, und dass dies in einem dieser Massaker enden könnte, wodurch der Faschismus hofft, endlich die Absicherung seiner Macht zu vollenden.
Andererseits kann alleine die Aktiongegen den Faschismus helfen. Wir müssen handeln um ihn zu beseitigen, indem wir nach den Bedingungen einer Abbröckelung suchen, die generelle Bewegungen auf einer grösseren Ebene möglich macht.
An all jene, die dem Feind zusetzen wollen bis zum letzten Atemzug, schlagen wir, in Italien und sonstwo, eine autonome und verstreut angeordnete Guerilla vor, bestehend aus kleinen Einheiten, die schwieriger erreichbar und identifizierbar sind.
Dass sich also in den verschiedenen Milieues und den verschiedenen Kreisen auf wenige Personen beschränkte Komitees oder Aktionsgruppen bilden.
Das heisst nicht, das jede Gruppe notwendigergewaltsame Aktionen durchführen muss; dass hingegen jeder Aktionen durchführt, die den Feind in Abhängigkeit der jeweiligen Haltungen, Kapazitäten und Mitteln einer bestimmten auf Affinität und gegenseitigem Vertrauen basierenden Gruppe verwundet. Dass jede Gruppe ihren Teil Aktionen macht und zu Ende führt, ohne sich zu fragen, was die anderen Gruppen machen.
Alles auf ein und dasselbe Ziel ausgerichtet. Und da der Feind aufmerksam und hinterhältig am beobachten ist, dass jedes Kommitee und jede Aktionsgruppe seine Leute kennt und kontrolliert.

Zu viele Abtrünnige aller Parteien – gestern vielleicht noch aufrichtig – sind für Geld zum Faschismus übergelaufen, und es ist möglich, dass dieser letztere versucht, mit zwiespältigen Elementen Komplotte und Intrige zu organisieren, um ihrerseits die Exstenz solcher Gruppen zu simulieren. Es ist also höchste Vorsicht geboten. Man muss auch die Bevölkerung warnen, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass der Faschismus, in Italien sowie anderswo durch seine Auftragsmörder bestialische und verhängTaten ausführen lässt, um sie anschliessend seinen Gegnern zuzuschieben. Bezüglich einer Absprache zwischen den verschiedenen Gruppen, auch innerhalb der selben Stadt, sind wir der Ansicht, dass das im Moment nicht drängt. Es wäre unvorsichtig und gefährlich, da es zu viele Elemente potentiellen Verrätern ausliefern würde. Falls eine breite Absprache für eine gemeinsame Aktion – und sicherlich ohne die zwiespältigen Elementen, die den Faschismus ausgebrütet haben, und am liebsten in jene Vergangenheit zurückkehren würden, die dem Faschismus ein lieblicher Vater war – zustande kommen muss, wird sie auf automatische und logische Weise heranreifen, wenn die Ereignisse heranreifen.

Gegenwärtig, um es nocheinmal zu sagen, ist es wünschenswert, dass sich die Aktionsgrupen vermehren ohne dass der Feind zur Ruhe kommt, dass sie bereit sind, die nötigen Vergeltungsmassnahmen anzugehen, doch indem sie eine autonome Aktion entwickeln.

Und wenn eine solche Aktion einen erbarmungslosen Kampf ohne Gnade entfesselt, seit nicht Bestürzt.
Der Faschismus hat es so gewollt, es muss so sein, so sei es!

Severino Di Giovanni

Il nostro antifascismo, Culmine nr. 16, 23. Dezember 1926 und Auszug aus Per une maggior lotta contro il fascismo, Culmine nr.18, 5. Februar 1927

Noten
1. Es handelt sich um Ex-Faschisten, einer abschäulicher als der andere, die aufgrund von internen Meinungsverschiedenheiten in Mussolinis Regime im Exil endeten. Raimondo Sala und Massimo Rocca waren beispielsweise Mitglieder von Italia Libera (monarchistische und nationalistische Strömung) bevor sie exilieren mussten. Bazzi und Rossi, zwei Ex-Mitglieder der Parti Fasciste, befanden sich bereits in Frankreich im Exil: Ihr Name wurde berühmt, als sie im März 1926 in Paris von Mingrino angegriffen wurden, einem Ex-Abgeordneten der Sozialisten und dem Begründer der Arditi del Popolo, der von faschistischen Diensten manipuliert wurde.
2. Giuseppe Garibaldi (1807-1882) wird, aufgrund seines bewaffneten Beitrags zur Wiedervereinigung Italiens, offiziell als einer der Väter der Nation betrachtet. Er bekam den Beinamen ’Held der zwei Welten’, für seine Kämpfe in Europa sowie auch in Südamerika (Brasilien, Uruguai, Argentinien). Sein vierter Sohn, Riciotti (1894-1924), endete, nachdem er am Kopf der gariballdistischen Legionen in Frankreich (1870) und in Griechenland (1897, 1912) gekämpft hat damit, dem Faschismus beizutreten. Einer der hier angemerkten Söhne von Ricotto, Peppino Garribaldi (1879-1950), war Söldner für zahlreiche Armeen (Britisches Weltreich gegen die südafrikanischen Buren 1903, Venezuela, Guyane, Mexiko gegen den Diktator Diaz 1910, Frankreich gegen die Deutschen 1914/15 und darauf Italien gegen Österreich 1915/18) bevor er 1922 sehr konfuse Handlungen gegen Mussolini unternahm, vorallem mit der Unterstützung von Freimaurern.
3. Massimo Rocca (1884-1973) ist ein gutes Beispiel dieser, von Di Giovanni verschmähten Personen. Nachdem er in anarchistischen Publikationen geschrieben hat, schloss er sich den Sozalisten um die Tageszeitschrift Avanti! an, worauf er Position für die Teilnahme Italiens am Krieg (ÅfInterventionismusÅf) ergreift. Rocco wechselt folglich zu der Zeitschrift die von Mussolini errichtet wurde (Popolo dÅfItalia), bevor er fortfährt, indem er einer der Gründer von Mouvement Fasciste (1919) und darauf der Parti Fasciste (1921) wird. 1923 gründet er in interner Opposition zum Faschismus die sogenannte ÅfrevisionistischeÅf Strömung, die sich den ÅfunbeugsamenÅf entgegenstellt. 1924 wird er aus der Parti Fasciste ausgeschlossen, muss sein Abgeordnetenmandat abtreten und nach Frankreich flüchten.
4. Viminale: italienischer Präsidentenpalast

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Wir sind alle Terroristen!

Kampagne: 3… 2… 1… Uns! Kapitalismus abschaffen! – Auf zu einer antikapitalistischen Kampagne im Frühjahr 2010

„Eine Gesellschaft, in der die bewaffnete Staatsmacht dafür sorgt, dass ein Haus seinen menschlichen Zweck nicht erfüllt, ist offenkundig verrückt, und sobald die Proletarisierten im Bild des Polizisten das Wesen der Gesellschaft erkennen, könnte die Geschichte eine unerwartete Wendung nehmen.“ (kosmoprolet)

In der Krise spricht nicht mehr gegen den Kapitalismus als sonst. Die Bilder einer Lebenswelt staatlich garantierter Sicherheiten, in der das Glück der Menschen in einem schlechten Job, einem Auto und einem Reihenhaus mit Grillparty-Garten besteht, dürften einer Linken nicht weniger die Kotze hochkommen lassen, als der Blick auf die aktuellen Entwicklungen der kapitalistischen Welt. In einer Phase, in der sich auch die Lebensbedingungen vieler Menschen im Einzugsbereich der deutschen und europäischen Linken schlagartig verschlechtern, gibt es allerdings kein Grund zur Bescheidenheit, denn gleichzeitig wachsen die technologischen Möglichkeiten der Abschaffung von Mangel, Hunger, Krankheit, Armut und Langeweile stetig. Die unbeholfenen Staatsappelle der Sozialstaatsnostalgiker_innen und die fast schon hilflos anmutenden Rettungsaktionen der Regierungen verdeutlichen: Die Utopie einer befreiten Gesellschaft, in der der materielle gesellschaftliche Reichtum tatsächlich allen Menschen zur Verfügung steht, ist das einzige realisierbare „Rettungspaket“, das seinen Namen verdient. Die Krise wird viele Menschen in existenzielle Not stürzen. Ihnen könnte daher der Widerspruch von Möglichkeit und Wirklichkeit unmittelbar einleuchten. Da allerdings selbst eine gerechtere Produktion und Verteilung von Gütern noch keine Emanzipation mit sich bringt, muss eine radikale Linke die genannten Widersprüche nicht nur theoretisch kritisieren, sondern auch die politische Praxis und selbstbestimmte und basisdemokratische Organisierung als Mittel ihrer Kritik verstehen. Dabei darf sie nicht vergessen, dass eine Kritik am Kapitalismus immer die Kritik an Herrschaft beinhalten muss. – Sexismus, Rassismus und Antisemitismus sind zwar historisch untrennbar mit kapitalistischen Herrschaftsverhältnissen verwoben, jedoch auch nach der Abschaffung des Kapitalismus weiter denkbar.

Die Retter in der Not: Sloterdijk und Lafontaine

Die Krise schreit nach Lösungen. Schuldige waren schnell gefunden. Experten_innen,
Politiker_innen, Gewerkschaften und Reaktionäre_innen aller Couleur bewiesen dabei ihre „Kompetenz“. Es waren die Spekulanten_innen, denen die Krisenschuld zugeschrieben wurde. Mit der Unterscheidung in „raffendes“ und „produktives“ Kapital wurde einmal mehr ein antisemitisches Klischee bedient. Bei der Frage nach Zukunftsvorstellungen, die begründete Hoffnung auf Zustimmung hegen, geht es nicht weniger hoch her: Migranten_innen sollen keinen Anspruch auf staatliche Zuwendungen und Arbeitsplätze haben, Frauen sollen gefälligst zahlreich Kinder bekommen und gleichzeitig in Strukturen arbeiten, die sich mit der Doppelrolle als Mutter und Beschäftigte nur schlecht vertragen, – selbstverständlich zu geringeren Löhnen, als Ihre männlichen Altersgenossen, von Bildung ferngehaltene Menschen werden von vornherein in die Rolle der Almosenempfänger_innen gepresst. Die ganze alte Scheiße. Hier mit von der Partie: Peter Sloterdijk, ein wahrhaft deutscher Philosoph, der samt Anhänger_innenschaft dafür plädiert, Sozialleistungen künftig zur freiwilligen Sache der Reichen zu machen und sie damit einer noch größeren Willkür zu unterwerfen.

Auf der anderen Seite steht eine im Wesentlichen reformistische Linke, die sich – bemerkenswert monoton – über zu wenig Gerechtigkeit und Menschlichkeit beklagt. Bei aller berechtigten Kritik bleibt jedoch im Dunkeln, was eigentlich zur Diskussion steht, wenn tagtäglich von „Zukunftsmodellen“ und der großen Veränderung hin zu mehr „Verantwortung“ die Rede ist. Bei aller Einsicht, die der Schock der Krise bei einigen hergestellt haben mag, bleibt die Kritik erstaunlich ratlos: Man möge bitte Managerboni kürzen, Ludwig Erhardt lesen und einen Mindestlohn von 5,27 Euro inklusive Mehrwertsteuer einführen, weil sonst Ungerechtigkeit verschärft und die gesellschaftspolitischen Ordnungsmodelle am Ende seien. In ihrer Staatsfixiertheit geraten sowohl Sozialdemokraten_innen in und außerhalb der Parlamente, als auch die Gewerkschaften in Abgrenzungsschwierigkeiten gegenüber der schwarz-gelben Regierung.

Dabei offenbart die Dynamik der Krise vor allen Dingen eines: Der Kapitalismus befindet sich in einer historischen Situation, in der er selbst in seinen Zentren in zunehmenden Maße das Gegenteil seiner materiellen Möglichkeiten produziert. Mehr Maschinen, Lebensmittel, Technik und Wissen führen unter seinem Regiment zu immer noch mehr Armut, sozialer Ausgrenzung, Arbeitslosigkeit, Krankheit und Konkurrenz. Dieser offenkundige Widerspruch bildet die scheinbar unhinterfragbare Diskussionsgrundlage, auf der von CDU über Gewerkschaften bis zur Linkspartei fast alle ihre unterschiedlichen sozialstaatlichen und vor allem sozialpartnerschaftlichen Ordnungsvorstellungen zur Wahl stellen.

Vor wenigen Jahrzehnten erschien der Kapitalismus noch in einem anderen Licht: der materielle Reichtum der privaten Haushalte hielt mit dem Wachstum der nationalen Wirtschaftsleistung ungefähr schritt, auch wenn die Hoffnung auf ein Stück vom Kuchen im Kapitalismus schon immer bloß als nationales Versprechen realistisch war und individuelle Opferbereitschaft verlangte. Allerdings warf der Kapitalismus für viele Menschen hier einen Teil des Profits ab, den er in anderen Teilen der Welt brutal und ganz und gar nicht „sozial“ einfuhr.
Die Lücke, die zwischen dem möglichen materiellen Reichtum und seiner realen Struktur und Verteilung klaffte, war sicherlich schon damals unübersehbar; jedoch konnten die kreditwürdigen Staatskassen und die niedrige Arbeitslosigkeit diese Irrationalität zumindest in den wirtschaftlich führenden Ländern teilweise überspielen. Mit der latenten Krise des Kapitalismus der letzten Jahrzehnte, die zum großen „Crash“ führte und sich gerade an allen Ecken und Enden der Gesellschaft manifestiert, offenbart sich nun ein anderes Bild. Mehr leere Wohnungen und mehr Obdachlose: So ließe sich wohl in Kurzform die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung sinnbildlich zusammenfassen. Dass viele Linke sich dadurch allerdings zum Abfeiern des Sozialstaates aufgerufen fühlen, ist bedenklich. Sie kann der Absurdität der Entwicklung kapitalistischer Gesellschaften nicht mehr als den Staat entgegenhalten, der jedoch selbst in seiner fortschrittlichsten Gestalt nicht den gesellschaftlichen Reichtum, sondern bloß die Staatskasse verwaltet und darüber hinaus als Staat des Kapitals etwas ganz anderes im Sinne hat und haben muss, als die Menschen vom Übel des Kapitalismus zu befreien.

Falsch verbunden: Die Linke und der Staat

Die Linke blamiert sich, wenn sie immer noch glaubt, der „starke Staat“ könne der Lage mit einer anderen Politik Herr werden. Sie erkennt die Finanzierbarkeit von Forderungen als Grundlage jedes politischen Diskurses an. Gerade in Zeiten immer schneller wachsender Staatsverschuldungen und erster Staatsbankrotte gilt es jedoch zu betonen, dass von allem genug da ist; dass eben gerade nicht die Finanzierbarkeit, sondern die schlichte Machbarkeit der Maßstab jeder vernünftigen Kritik sein muss.

Der nostalgischen Vorstellung der reformistischen Linken vom Sozialstaat sollte eine antikapitalistische Linke daher unbedingt ihren mehrfachen Irrtum vorhalten: Weder schafft dieser die grundsätzlichen Verhängnisse kapitalistischer Vergesellschaftung ab, noch tragen Sozialstaatsforderungen der Tatsache Rechnung, dass der Staat und seine „Sozialpolitik“ eben gerade nicht souverän, sondern systematisch abhängig von den Entwicklungen des Weltmarktes waren und sind.

Der „Sozialen Marktwirtschaft“ liegt immer die nationale Konjunktur zu Grunde, die wiederum abhängig ist von der Stellung im Weltmarktgefüge und nicht zuletzt von der ökonomischen und politischen Unterdrückung und Ausbeutung ganzer Kontinente, Teile der eigenen Bevölkerung eingeschlossen. Der Sozialstaat als Organ nationaler Umverteilung in der „Sozialen Marktwirtschaft“ ist daher nicht einmal im Rahmen seiner eigenen Finanzierbarkeit sozial. Das Geld, welches verteilt werden soll, muss der Steuerstaat schließlich auch haben. Über die Grenzen seiner Politik entscheidet daher nicht das Staatspersonal, sondern die Wirtschaftslage und der nationale Reichtum. Hinzu kommt, dass von seinen Vorzügen, zum Beispiel dem Recht auf Sozialleistungen, nur diejenigen profitieren, die als Bürger_innen dazu auserkoren sind. Das Einstimmen großer Teile der Linken in „Standort Deutschland“-Politik ist daher nur logisch: Sie wissen nur zu gut, dass ihr Sozialstaat ein Exklusivmodell für einen Weltmarktgewinner ist.

Wenn Berthold Huber, der Vorsitzende der Gewerkschaft IG Metall, erklärt, man wolle sich künftig nicht auf Lohnforderungen, sondern auf den Erhalt von Arbeitsplätzen konzentrieren, hat diese gewerkschaftliche Bankrotterklärung einen wahren Kern. Sowohl Betriebe als auch die gesamte Gesellschaft inklusive des Staates sind im Kapitalismus darauf angewiesen, dass der Laden läuft, damit Löhne in den Betrieben oder Almosen des Staates verteilt werden können. Die Krise kapitalistischer Akkumulation bedeutet so immer auch die Krise aller Menschen, die vom Marktgeschehen abhängig sind. Aus dieser Perspektive scheinen die Auseinandersetzungen zwischen Freunden und Feinden des Sozialstaates weniger grundsätzlich. Die aktuelle Auseinandersetzung zwischen sogenannten Neoliberalen und Sozialstaatsnostalgiker_innen entpuppt sich insofern als Streit darüber, mit welcher politischen Strategie eine stabile Position in der verschärften Weltmarktkonkurrenz durchgesetzt werden kann.

Wie staatliche Politik gestaltet und die Staatskasse verwaltet wird, darüber entscheiden jedoch auch die sozialen Kämpfe und Auseinandersetzungen innerhalb und außerhalb des Staates. Die permanente Orientierung staatlicher Politik an Kapitalinteressen ist die Grundlage dieser Kämpfe. Das heißt allerdings noch lange nicht, dass diese Kämpfe etwas am Ablauf des großen Ganzen ändern würden, selbst wenn sie „erfolgreich“ sind. Denn für gewöhnlich stellen auch diese Kämpfe nicht die derzeitige Organisation der Gesellschaft als solche in Frage, sondern bloß die „ungerechte“, „unsoziale“ usw. Verteilung der Staatskasse. Damit steht ein Großteil der Kämpfe der Verwirklichung derjenigen gesamtgesellschaftlichen Ziele, die auf mehr hinaus wollen als die finanzielle Besserstellung einer gesellschaftlichen Gruppe, im Weg. Ohne die Bereitschaft, das Übel des Kapitalismus an seiner Wurzel zu packen, besiegelt etwa die Forderung nach mehr (Lohn-) Gerechtigkeit die gesellschaftliche Konkurrenz untereinander und die ganz und gar nicht gemeinschaftliche Verfassung kapitalistischer Wirtschaft. Außerdem entscheidet sich hier, wer als Bürger_in überhaupt Ansprüche an die nationalstaatliche Gemeinschaft stellen darf. Denn dafür sind stets (rassistische, sozialdarwinistische oder nationalistische) Ausschlusskriterien nötig.

Eine linke Kritik sollte daher nicht bloß auf die staatliche Umverteilung zielen, sondern vielmehr auf die Tatsache, dass die kapitalistische Art gesellschaftlicher Planung eine Produktion ohne Zwang zur Profitmaximierung und eine gerechte Verteilung von Gütern unmöglich macht. Nicht die Staatskasse, sondern der vorhandene materielle Reichtum der Gesellschaft muss der Maßstab einer vernünftigen linken Kritik sein.

Happiness: Just around the corner

Die aktuelle Wirtschaftskrise ist nicht nur das Resultat einer im Ganzen irrationalen Produktionsweise, sie macht den schon immer im Kapitalismus bestehenden Widerspruch von Möglichkeit und Wirklichkeit auf eine mehr als zynische Weise erfahrbar. Das Potential einer Welt, die beinahe alle notwendigen Güter im Überfluss produzieren kann und die eine radikale Verringerung der notwendigen Arbeitszeit eines jeden Menschen möglich gemacht hat, verkehrt sich unter Bedingungen kapitalistischer Produktion in das reale Unglück von Arbeitslosigkeit, Pleiten und (zunehmender) Konkurrenz. Statt einer vernünftigen Nutzung technischer und natürlicher Ressourcen und einer an Bedürfnissen orientierten Produktion und Verteilung bedeutet die aktuelle Dynamik des Kapitalismus den Ausschluss von immer mehr Menschen von diesem Reichtum.
An jeder Entlassung, an hunderten „Schwarzfahrern_innen“ in deutschen Gefängnissen, an jedem leeren Wohnhaus und am weltweiten Elend zeigt sich nicht das persönliche Versagen, Unter- oder Überqualifikation, Disziplinlosigkeit und dergleichen, sondern die Überkommenheit des Kapitalismus. Das wortwörtliche Schicksal der Menschen besteht in der Abhängigkeit ihres eigenen Wohls von unplanbaren wirtschaftlichen Entwicklungen und dem damit drohenden oder realen Mangel an Mitteln zur gesellschaftlichen Teilhabe. Jedes private materielle Elend ist vor dem Hintergrund des gesamtgesellschaftlichen Reichtums absurd. Politikverdrossenheit, Ohnmachtsbekundungen und Nichtwähler_innentum sind möglicherweise der hoffnungs- und perspektivlose Ausdruck einer solchen Entwicklung. Genau hier kann eine antikapitalistische Kritik ihren praktischen Ausdruck finden.

3… 2… 1… unsers?

Einer radikalen Linken kann und sollte es nicht darum gehen, sozialen Konflikten mit dem Verweis auf ihre Begrenztheit den Rücken zu kehren. Vielmehr sollten wir uns darum bemühen, die Gründe solcher Grenzen zu benennen und eine inhaltliche und praktische Alternative zur Bittstellerei an den Staat anbieten. Die Begrenztheit der eigenen Möglichkeiten und Perspektiven sollte dabei nicht unterschätzt werden. Wenn soziale Auseinandersetzungen um die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums anstehen, müssen wir die Beschränktheit der jeweils für sich genommenen berechtigten Forderungen nach Verbesserungen der Lebensverhältnisse verdeutlichen, wenn wir uns an diesen Kämpfen mit einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive beteiligen.

Ein antikapitalistisches Rettungspaket müsste vor allen Dingen eines ins Visier nehmen: Die Produktionsweise und die Verteilung ihrer Güter selbst. Dabei muss die Nutzbarmachung des gesellschaftlichen Reichtums für selbstbestimmte Zwecke eingefordert und zur Selbstermächtigung ermutigt werden. Allerdings sollte eine antikapitalistische Linke darauf beharren, dass Umverteilung (mutet sie noch so fortschrittlich und antistaatlich an) noch längst nicht das Ende allen Übels bedeutet. Letztendlich geht es um die gesellschaftliche Aneignung ganzer Prozesse, anstatt deren Produkte lediglich günstiger oder umsonst haben zu wollen. Wir wollen die Abschaffung der Lohnarbeit und nicht nur höhere Löhne. Statt einer lediglich kostenlosen Ausbildung wollen wir ein von Kapitalinteressen befreites Studium, eine entökonomisierte Forschung und eine Stadt, die nicht nur auf Konsum und Arbeit ausgerichtet ist, in der selbst der Fahrtakt der U-Bahn diese wirtschaftliche Interessen spiegelt.

Als antikapitalistische Linke organisieren wir zwar eine Menge Diskussionsveranstaltungen, Demonstrationen, Partys und Kampagnen. Vorschläge, wie eine sozialrevolutionäre Dynamik von sozialen Kämpfen aussehen könnte, sind allerdings selten. Die schlechte Alternative zu den staatstragenden Forderungen von Linkspartei und Gewerkschaften, ein verbalradikaler Antikapitalismus, der sich einer politischen Praxis entledigt hat, kann nicht einfach hingenommen werden. Die Praxis kollektiver Aneignung bietet die Chance, Ansätze eines anderen Verständnisses von Gesellschaft aufzuzeigen. Gemeinsames Schwarzfahren, öffentliche Umverteilungsaktionen, politische und ökonomische Streiks, die Verhinderung von Kontrollen und Vorladungen auf Ämter und Behörden, die Besetzung von Unis, Wohn- und Kulturräumen sind nur einige Aktionsformen einer langen Liste von Möglichkeiten, soziale Kämpfe zu führen.

Die Widersprüche einer solchen Praxis sind vorprogrammiert. Nischen, vermeintliche Freiräume, Kommunen und selbstorganisierte Betriebe stehen genauso wenig außerhalb gesellschaftlicher Zwänge wie die Forderung nach kostenloser Mobilität. Schon oft mündeten linke Ausstiegsversuche im vermeintlich privaten Glück oder in der (keinesfalls mit emanzipatorischer Autonomie zu verwechselnden) kollektiven Organisierung kapitalistischer Betriebe. Solange der Kapitalismus als Ganzes nicht massenhaft angegriffen wird, ist es daher bei der Einmischung in und der Beteiligung an aufflammenden sozialen Kämpfen weniger zentral, worum es im Einzelnen geht. Vielmehr können in der Art, wie gekämpft wird, Elemente der zukünftigen Gesellschaft wie Kollektivität, Solidarität, Verbindlichkeit, Entfaltungsmöglichkeiten der Einzelnen und basisdemokratische Entscheidungsstrukturen vermittelt werden.

Die Beteiligung an diesen Kämpfen kann dann zu einem Bewusstsein führen, dass nur die Abschaffung des Kapitalismus die Widersprüche sozialer Kämpfe wirklich wird lösen können.

Wir haben schließlich nicht nur eine Welt zu gewinnen, sondern auch immer weniger zu verlieren.

Gewerkschaftsfreiheit verteidigen! Demo am 20. Februar

… und weitere Aktionen während der Berlinale-Zeit

Während Stars und Sternchen sich im Glanze und Glamour der Berlinale feiern lassen, herrschen hinter den Kulissen trübe Zustände. So z.B. im Babylon Mitte, das Teil der Berlinale ist. Dort kämpfen nicht nur Beschäftigte seit einem Jahr für bessere Arbeitsbedingungen, dort geht es sogar um die Gewerkschaftsfreiheit. Die FAU Berlin ruft deshalb zu vielfältigen Aktionen während der Berlinale auf, u.a. einer Demonstration am 20. Februar.

Faktisches Gewerkschaftsverbot in Deutschland

Zwar gibt es nun einen ver.di-Haustarif, doch der befindet sich auf Dumpinglohniveau, und die kämpferischen Beschäftigten werden kaum etwas davon haben. Stattdessen klagt die Geschäftsleitung, mit massiven öffentlichen Subventionen im Rücken, weiter eifrig gegen die FAU Berlin, der Interessenvertretung eines großen Teils der Beschäftigten. Wurde sie als Gewerkschaft schon de facto verboten, versucht man nun, diese gar zu kriminalisieren. Sekretäre der FAU Berlin sind momentan akut von Haft bedroht, nur weil sie es angeblich wagen, das Wort „Gewerkschaft“ – und sei es nur sinngemäß – in den Mund zu nehmen. Ein einmaliger Skandal in der Geschichte der BRD.

Dieses De-facto-Verbot verstößt gegen das Grundrecht auf Koalitionsfreiheit und internationale Konventionen, etwa der ILO. Die akute Bedrohung einer Arbeitnehmerorganisation mit Haftstrafen verleiht dem zusätzlich eine menschenrechtlich bedenkliche Dimension. Dahinter steckt anscheinend der Versuch, die FAU Berlin mundtot und organisatorisch handlungsunfähig zu machen.

Diese Entwicklung, die vom Kino Babylon Mitte aktiv vorangetrieben wird, ist ein internationaler Skandal, der nicht einfach ignoriert werden kann. In den Tagen während der Berlinale werden wir deshalb verstärkt auf das Problem aufmerksam machen. Zusammen mit zahlreichen UnterstützerInnen werden wir insbesondere am 20. Februar für die Gewerkschaftsfreiheit in Deutschland eintreten.

Berlinale und Babylon

Von dem Glanz und Glamour der Berlinale haben die Babylon-Beschäftigten nicht viel. Konnten sie in den Jahren davor zumindest etwas Geld verdienen, werden die Servicekräfte dieses Jahr sogar gänzlich vor die Tür gesetzt. Das Kino wird während der Festspiele mit speziellen Berlinale-Arbeitskräften betrieben. Aus Sorge vor Unbequemlichkeiten?

Wir finden es unerträglich, dass ein international renommiertes Hochglanz-Festival von einem Veranstaltungsort Gebrauch macht, in dem die Beschäftigten derart behandelt werden und wo die Rechte zur Organisierung ihrer Interessen mit übelsten Machenschaften untergraben werden.

Auch die Berlinale werden wir deshalb eindringlich auf ihre soziale Verantwortung hinweisen.

Termine zur Aktionswoche

So, 14. Februar, 18.00 Uhr: Kundgebung vorm Kino Babylon Mitte, mit Konzert von Teds ´n Grog.

Di, 16. Februar, 10.30 Uhr: Widerspruchsverfahren der FAU Berlin beim Landesarbeitsgericht.

Sa, 20. Februar, 18.00 Uhr: Demonstration während der großen Abschlussgala, vom Berlinale-Palast/Potsdamer Platz zum Kino Babylon Mitte.

Weitere Informationen folgen.

Berichte vom internationalen Aktionstag gegen den Angriff auf die Gewerkschaftsfreiheit

Am letzten Januarwochenende finden in der BRD und in 15 weiteren Ländern rund um den Globus Protestaktionen gegen ein Urteil statt, dass es BerlinerInnen verbietet, sich in der Gewerkschaft ihrer Wahl zu organisieren. Die Geschäftsführung des Kino Babylon Mitte hatte ein Gerichtsurteil erwirkt, das der FAU Berlin untersagt, sich als Gewerkschaft zu bezeichnen. Mittlerweile versuchen die Bosse des Babylon sogar, gerichtlich Geld- oder Haftstrafen gegen die FAU Berlin durchzusetzen. Hintergrund der grotesken juristischen Manöver, die ein Novum im post-faschistischen Deutschland darstellen, ist ein monatelanger Konflikt zwischen der Betriebsgruppe der FAU im Kino Babylon Mitte und der Geschäftsführung. Nachfolgend berichten wir über Aktionen im Rahmen des globalen Protesttages. Weitere Informationen über den Konflikt finden sich auf unserer Sonderseite zum Thema.
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Bratislava (Slowakei) | 28. Januar 2010

Zehn Leute (Mitglieder von Priama akcia und andere UnterstützerInnen der FAU) trafen sich vor der deutschen Botschaft aus Protest gegen das Verbot gegenüber der FAU Berlin, das faktisch der FAU Berlin die Arbeit als Gewerkschaft verbietet. Die Leute verlangten den Botschafter zu sprechen, um ihm eine Protesterklärung zu überreichen. Ein Vertreter der Botschaft nahm schließlich nach einem kurzen Gespräch das Protestschreiben entgegen und sicherte zu, das Außenministerium über den Protest zu informieren. Solidarität und Grüße an die FAU Berlin. Ihr seid nicht allein!

Berlin (BRD) | 29. Januar 2010

In den frühen Morgenstunden des 29.01.2010 wurde von Mitgliedern der Anarchosyndikalistischen Jugend (ASJ) Berlin im Zuge einer Solidaritäts- und Unterstützungsaktion ein Transparent mit dem Spruch „Da hat’s der Chef nicht schwer – ver.di gelb – Babylon prekär“ gegenüber der ver.di-Zentrale entrollt. Mit dieser Aktion soll in Unterstützung der kämpfenden Belegschaft des kommunal geförderten Kino Babylon auf die Verhaltensweise von ver.di im Arbeitskampf hingewiesen werden. ver.di hat sich gegen das klare Votum der Belegschaft, ohne Einhaltung der von der Belegschaft geforderten Verbesserungen im Alleingang mit der Geschäftsleitung, vertreten durch Timothy „Thatcher“ Großmann und Tobias Hackel, auf einen Tarifvertrag unter dem ver.di-Bundestarifvertrag geeinigt. Damit hat ver.di (spätestens!) in diesem Arbeitskampf gezeigt, dass sie sich wie eine gelbe Gewerkschaft verhält. Wir als Jugendliche, SchülerInnen, Auszubildende, StudentInnen, aber auch Erwebslose wollen dies so nicht hinnehmen! Zeigt Solidarität! Nutzt den Aktionstag der Freien ArbeiterInnen Union! Unterstützt die Belegschaft! Video zur Aktion.

Bonn (BRD) | 29. Januar 2010

Heute um 13:00h wurde gemeinsam von der FAU Lokalföderation Bonn und der ASJ Bonn eine Petition an den Kreisvorsitzenden J. Reppschläger der LINKEN in Bonn übergeben. Die FAU Bonn und ASJ Bonn rufen darin die LINKE auf, sich in den Konflikt einzumischen und sich nicht mitschuldig an der Zerschlagung der Gewerkschaftsfreiheit zu machen. Es wurden noch Flugblätter verteilt und Informationen ausgelegt. Herr Reppschläger versprach seinen Kreisverband zu informieren und sich für unsere Sache einzusetzen.

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Hannover (BRD) | 29. Januar 2010

Stellvertretend für ihre Berliner Landesverbände erhielten Ver.di und DIE LINKE einen Preis für Arbeitgeberfreundlichkeit. Überreicht wurde der Preis im Rahmen des internationalen Aktionstages für Gewerkschaftsfreiheit durch die FAU-Hannover. Während drinnen zwei AktivistInnen in Anzug und Kostüm die Urkunden im Namen des „Verbands des abschöpfenden Gewerbes – VAG“ überreichten, wurden vor der Tür Flugblätter an PasantInnen verteilt. Von einem älteren Passanten erhielten die AktivistInnen sogar eine kleine Spende für die Streikkasse. Am Samstag wird die Aktion mit einer größeren Verteilaktion von Flugblättern in verschiedenen Stadtteilen Hannovers fortgesetzt.

Hamburg (BRD) | 29. Januar 2010

Unter dem Motto „Unterstützt ver.di Gewerkschaftsverbote?“ fand am Freitag früh eine Kundgebung der FAU Hamburg vor der ver.di-Zentrale am Besenbinderhof statt. Mit ihrer Aktion forderte die FAU-Hamburg ver.di auf, zum Urteil des Berliner Landgerichts Stellung zu nehmen und sich klar gegen jede Art von Verbot gewerkschaftlicher Tätigkeit zu positionieren, wie es z.B. der AK Internationalismus der IG-Metall Berlin bereits getan hat. (Ausführlicher bei der FAU Hamburg)

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Thessaloniki (Griechenland) | 29. Januar 2010

Rund 60 Mitglieder der Antiautoritären Bewegung und der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft E.S.E führten vor dem deutschen Konsulat in Thessaloniki eine Solidaritätskundgebung für die FAU Berlin und gegen das quasi Gewerkschaftsverbot durch. Dem Konsul wurde ein Protestschreiben mit der Aufforderung überreicht, dieses weiterzuleiten, was er zusagte.

Brüssel (Belgien) | 29. Januar 2010

Gegen 10 Uhr versammelten sich etwa 15 Personen vor den Büroräumen der Deutschen Vertretung in Brüssel. Auf unserem Transparent stand „Freie Gewerkschaften in Deutschland verboten, Solidarität mit der FAU-IAA“, auf französisch:“libres syndicats interdits en Allemagne, solidarite avec FAU-IAA“. Die Polizei kam, um uns einzuschüchtern, da wir nicht um eine Erlaubnis zum Demonstrieren gebeten hatten. Alle Teilnehmer wurden systematisch kontrolliert. Zwei Personen wurden auf dem Weg zur Kundgebung kontrolliert und die Polizei hat gesetzeswidrig ihre Flugblätter beschlagnahmt. Während der Aktion wurden wir aus der Deutschen Vertretung und aus einem mehr oder weniger diskreten Kleinbus heraus gefilmt und fotografiert. Nach einer aufmunternde Rede zum internationalen Aktionstag und einer Tasse Tee gegen den ungemütlichen Regen, sind wir zum Treffpunkt einer Demo gegangen, die von den „weniger-freien“ belgischen Gewerkschaften organisiert wurde. Wir haben unser Transparent gut sichtbar aufgestellt und Flugblätter an die anwesenden Gewerkschaftsaktivisten verteilt. Mehrere Menschen sind gekommen und haben nach weiteren Informationen gefragt.

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Bilbao (Spanien) | 29. Januar 2010

Rund 20 Mitglieder der CNT in Bilbao verteilten vor dem deutschen Konsulat in Calle San Vicente Flugblätter mit Informationen zum Konflikt in Berlin. Außerdem wurde im Konsulat eine Protstnote übergeben.

Münster (BRD) | 29. Januar 2010

Die FAU Münsterland hat am Freitagnachmittag in der Fußgängerzone über den Arbeitskampf im Kino Babylon informiert. Bei eisigem Schneetreiben verteilten die Aktiven der FAU und der Anarcho-Syndikalistischen Jugend Münster mehrere hundert Informationsblätter. In der kommenden Woche wird die Verteilung an trockeneren Orten fortgesetzt und eine Info-Stellwand an öffentlichen Orten platziert.

Jerez (Spanien) | 29. Januar 2010

Eine Gruppe von SyndikalistInnen aus Rota, Jerez und Puerto de Santa Maria versammelten sich am 29. Januar vor dem deutschen Konsulat in Jerez in Solidarität mit ihrer deutschen IAA-Schwestergewerkschaft FAU. Nach der Kundgebung gab es ein Treffen mit dem Konsul, um diesem persönlich eine Note zu überreichen und die Gründe für den Protest zu erklären.

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Darmstadt (BRD) | 29. Januar 2010

Im völlig verschneiten Darmstadt fand am Abend auf dem Luisenplatz eine Solidaritätskundgebung für die FAU Berlin statt. Mitglieder der FAU Darmstadt, LSG Bergstraße und der FAU Frankfurt/M informierten die Passanten mit Flugblättern und Redebeiträgen, außerdem gab es in einem improvisierten open Air Kino Videoclips über den Arbeitskampf im Kino Babylon zu sehen. Im letzten Redebeitrag wurde noch ausführlich auf die Situation der „Belgrade 6″ in Serbien eingegangen und unter Applaus deren sofortige Freilassung gefordert.

Wien (Österreich) | 29. Januar 2010

Ein Dutzend Mitglieder der FAS Lokalföderation Wien und SympathisantInnen, protestierten heute am internationalen Aktionstag gegen den Angriff auf die Gewerkschaftsfreiheit vor der deutschen Botschaft in Wien gegen das faktische Gewerkschaftsverbot, welches der FAU Berlin auferlegt wurde! Es wurden Flugblätter an die spärlich anwesenden PassantInnen verteilt, einem Botschaftsmitarbeiter wurde eine Protestnote überreicht. Wir, die FAS Lokalöderation Wien, wollen unseren Beitrag dazu leisten, die Öffentlichkeit über diese skandalösen Vorfälle zu informieren. Wir fordern die Bundesrepublik Deutschland auf, dieses Verbot rückgägig zu machen und die FAU Berlin nicht weiter mit Strafe zu bedrohen, wenn sie sich als Gewerkschaft für die Interessen und Belange ihrer Mitglieder einsetzt. (Weitere Infos auf der Website der FAS)

Nürnberg (BRD) | 29. Januar 2010

In Nürnberg fand eine Kundgebung vor dem Justizpalast (Justizgebäude in Nürnberg) statt. Von dort ging es am Arbeitsgericht vorbei zur DGB-Verwaltung. Dort wurde dann einen Infotisch aufgebaut und Flyer verteilt. Im Großen und Ganzen eine kleine, aber lautstarke Demo bei schlechtem Wetter und deutlicher Polizeipräsenz.

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Philadelphia (USA) | 29. Januar 2010

Trotz Eiseskälte versammelten sich am 29. Januar rund ein Dutzend Mitglieder der Philadelphia General Membership Branch der the Industrial Workers of the World (IWW) vor dem deutschen Konsulat als Teil des globalen Protesttages in Solidarität mit der FAU Berlin. Das Picket war ein großer Erfolg, dem Konsul wurde eine Note übergeben, viele andere Menschen im Gebäude und PassantInnen wurden informiert. Die IWW in Philadelphia plant die Situation in Berlin weiter zu beobachten and wird ihren Druck solange aufrecht erhalten, bis die Repression gegen die FAU beendet wird. (Ein ausführlicher Bericht findet sich auf der IWW-Website)

Marseille (Frankreich) | 29. Januar 2010

In der Mittelmeer-Metropole versammelten sich heute Mitglieder der CNT vor dem Generalkonsulat der BRD. Sie stießen seitens der Passanten – und selbst der Polizei – auf große Verwunderung: „Ist das wahr?! Und man würde doch denken, dass Deutschland ein demokratisches Land ist!“ Der Vize-Konsul, der sich (kurz?) vorher informiert hatte, zog sich im Gespräch auf die Gewaltenteilung zurück. Das war abzusehen. So wird die CNT weiter für Öffentlichkeit und Protest sorgen… bei den „zuständigen Stellen“ natürlich.

Frankfurt/M (BRD) | 29. Januar 2010

Mitglieder des FAU Frankfurt informierten auf zwei belebten Einkaufstrassen mit Flugblättern über die Repression gegen die FAU Berlin und den Umstand, dass demnächst vielleicht die ersten Menschen in Deutschland ins Gefängnis gehen müssen, weil ihnen vorgeworfen wird, dass sie nach dem Verbot ihre Gewerkschaft „Gewerkschaft“ genannt hätten.

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Bern (Schweiz) | 29. Januar 2010

Heute haben Mitglieder der FAU Bern zusammen mit FreundInnen am Bahnhof Bern eine Aktion zum Gewerkschaftsverbot der FAU Berlin durchgeführt. Mit einem grossen Transpi standen wir von 11:30 bis 13:00 auf dem Bahnhofplatz und haben rund 600 Flugblätter verteilt. Die Reaktionen der Vorbeigehenden waren überwiegend interessiert und positiv. (Ausführlicher auf der Seite der FAU Bern)

London (UK) | 29. Januar 2010

Vor der deutschen Botschaft in London fand eine Solidaritätskundgebung statt, an der sich u.a. Mitglieder der «Solidarity Federation» beteiligten.

Athen (Griechenland) | 29. Januar 2010

Vor der deutschen Botschaft in Athen gab es heute eine Solikundgebung für die FAU Berlin, an der sich rund 60 UnterstützerInnen beteiligten. Es wurden mehrere hundert Flyer verteilt und über Megafone verschiedene Solidaritätserklärungen verlesen. Das Botschaftsgebäude war von MAT-Sondereinheiten der Polizei abgeriegelt. Auch in den umliegenden Straßen des Stadtteils Kolonáki standen starke
Polizeikräfte in Bereitschaft.

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Barcelona (Spanien) | 29. Januar 2010

Mehr als 50 Leute sind dem Aufruf der Gewerkschaft CNT zu einer Kundgebung vor dem deutschen Konsulat in Barcelona gefolgt. Die DemonstrantInnen verteilten Flugblätter und forderten auf einem großen Transparent in Catalan „Per la llibertat sindical en Alemanya“ (Für die Gewerkschaftsfreiheit in Deutschland).

Kopenhagen (Dänemark) | 29. Januar, 2010

Wir (Libertære Socialister København) trafen uns um 09.40 Uhr und gingen zur deutschen Botschaft, wo wir ein Transparent entfalteten. Bereits im Vorfeld hatten wir ein Anschreiben verfasst, in dem wir gegen die Entscheidungen gegen die FAU Berlin protestieren und die Einhaltung der Gewerkschaftsfreiheit fordern. Man sagte uns, dass gerade alle in einer Besprechung seien und dass wir den Brief entweder der Wache übergeben oder zwanzig Minuten warten sollten. Wir entschieden uns zu warten. Während wir da standen, kamen eine Menge Leute vorbei und wollten wissen, weswegen wir protestieren und wir konnten mit vielen von ihnen über die Bedeutung des Rechtes von ArbeiterInnen, sich nach ihrer Wahl zu organisieren sprechen. Die meiste Leute haben das sehr positiv aufgenommen und uns Mut gemacht, das Thema in die Medien zu bringen. Nach einiger Zeit wurde eines unserer Mitglieder vom deutschen Botschafter, Dr. Johann Christoph Jessen, empfangen. Der Brief wurde übergeben und das Thema 10 bis 15 Minuten lang diskutiert – offenbar hatten der Botschafter und die Botschaftsangehörigen sich im Netz kurzfristig noch sachkundig gemacht :) . Schließlich sagt er noch zu, den Brief übersetzen zu lassen und über die offiziellen Kanäle weiterzuleiten.

Oslo (Norwegen) | 29. und 30. Januar 2010

Mitglieder des Norsk Syndikalistik Forbund (NSF-IAA) haben am Samstag vor dem Goethe-Institut in Oslo Flugblätter wegen der Repression gegen die FAU Berlin verteilt. Für Samstag, den 30. Januar wurde eine weitere Verteilaktion angekündigt.

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Zaragoza (Spanien) | 29. Januar 2009

Mitglieder der Gewerkschaft CNT protestierten vor dem deutschen Generalkonsulat in Zaragoza über den Angriff auf die Gewerkschaftsfreiheit in Berlin.

Granada (Spanien) | 29. Januar 2010

Während eines Informationsstandes in Granada verteilten Mitglieder der dortigen Syndikate der CNT innerhalb kurzer Zeit mehr als 1.200 Flugblätter, die über die Situation in Berlin informierten. Das Interesse an den Informationen war groß, was sich die GenossInnen in Granada nicht zuletzt dadurch erklären, dass vor dem Hintergrund der Krise die Berliner Repression gegen die Gewerkschaftsfreiheit auch in anderen europäischen Ländern Schule machen könnte.

Berlin (BRD) | 29. Januar 2010

Am Freitag nahmen Mitglieder der FAU Berlin und der ASJ Berlin an einer Protest-Rallye über 6 verschiedene Orte in Berlin teil, wobei sie fleißig Flugblätter verteilten. Am Ende entrollten sie ein Transparent vor dem Kino Babylon Mitte und informierten die Besucher über das Verhalten der Babylon-Geschäftsführung.

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Dhaka (Bangladesh) | 30. Januar 2010

Die TextilarbeiterInnen-Gewerkschaft “National Garment Workers Federation” (NGWF) aus Bangladesh veranstaltete am 30. Januar eine Protestversammlung in ihren zentralen Büros. Dabei entstand dieses Foto mit seiner eindeutigen Aussage.

Duisburg (BRD) | 30. Januar 2010

Rund 15 GewerkschafterInnen der FAU aus Duisburg und der Nachbarschaft verteilten mehrere Stunden lang einige hundert Flugblätter in der Duisburger Innenstadt.

Düsseldorf (BRD) | 30. Januar 2010

Nachdem die FAU Düsseldorf am Freitag Protestschreiben an die Partei Die Linke und Ver.di in Düsseldorf und NRW verschickt hatte, wurden auch am Samstag Flyer an allen sechs Programmkinos der Stadt verteilt. Auf diesen wurde über die Situation der FAU-Berlin und der Belegschaft des Babylo(h)n informiert, gleichzeitig aber auch die Arbeitssituation in den Düsseldorfer Programmkinos problematisiert.

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Valencia (Spanien) | 30. Januar 2010

In Valencia (Spanien) versammelten sich rund 20 Mitglieder der CNT-Syndikate aus Castellón und Valencia vor dem deutschen Konsulat. Eineinhalb Stunden lang wurde die Forderung nach Gewerkschaftsfreiheit in Deutschland durch Sprechchöre und hunderte Flugblätter publik gemacht.

Recklinghausen (BRD) | 30. Januar 2010

Mitglieder der Anarchosyndikalistischen Jugend (ASJ) Herne / Recklinghausen übergaben ver.di einen offenen Brief, in dem sie die Gewerkschaft zu einer Positionierung aufforderten. In einem längeren Gespräch mit einem Sekretär von ver.di Emscher Lippe Nord, erklärte dieser, ver.di werde keinerlei gewerkschaftliche Konkurrenz, egal von welcher Seite, dulden.

Lille (Frankreich) | 30. Januar 2010

In Nordfrankreich fanden sich am Samstag mehrere Dutzend Mitglieder der CNT auf der Place de la République zusammen, um die FAU in ihrem Kampf um die Gewerkschaftsfreiheit zu unterstützen.

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Frankfurt/M (BRD) | 30. Januar 2010

Auf einer bundesweiten Demonstration „Die Uni gehört allen – Unser Leben in unsere Hände!“ in Frankfurt, an der trotz schlechter Wetterbedingungen rund 3.000 Menschen teilnahmen, wurden neben studentischen und sozialrevolutionären Redebeiträgen auch zwei Beiträge von Gewerkschafterinnen gehalten. Eine Kollegin der GEW sprach zur Bildungspolitik und eine Genossin der FAU Frankfurt nahm zu aktuellen Repressionen gegen verschiedenste Basisinitiativen Stellung und schilderte den Arbeitskampf im Kino Babylon und die absurde illegalisierung der Berliner FAU Gewerkschaft durch die Gerichte. Sowohl die Einladung auf der Demo zu diesem Thema zu sprechen, wie auch die Reaktion der ZuhörerInnen zeigten deutlich, dass außerhalb der Berliner Gerichte ein ganz anderes Verständnis von „Gewerkschaft“ existiert. Das bestätigte sich auch bei Flugblatt verteilungen am Rande der Demo.

Florenz (Italien) | 30. Januar 2010

Am 30. Januar protestierten Mitglieder der toskanischen Föderation der Gewerkschaft USI-AIT vor dem deutschen Konsulat in Florenz gegen das de-facto Verbot gegen die FAU Berlin. Wir wollen euch unsere Solidarität für euren Kampf für die Emanzipation der ArbeiterInnen ausdrücken. Bleibt standhaft!

to be continued….

[B] ASJ Aktion vor ver.di zum FAU-Aktionstag

In den frühen Morgenstunden des 29.01.2010 wurde von Mitgliedern der Anarchosyndikalistischen Jugend (ASJ)Berlin im Zuge einer Solidaritäts- und Unterstützungsaktion ein Transparent mit dem Spruch „Da hat’s der Chef nicht schwer – ver.di gelb – Babylon prekär“ gegenüber der ver.di-Zentrale entrollt.

Mit dieser Aktion soll in Unterstützung der kämpfenden Belegschaft des kommunal geförderten Kino Babylon auf die Verhaltensweise ver.di´s im Arbeitskampf hingewiesen werden. ver.di hat sich gegen das klare Votum der Belegschaft, ohne Einhaltung der von der Belegschaft geforderten Verbesserungen im Alleingang mit der Geschäftsleitung, vertreten durch Timothy „Thatcher“ Großmann und Tobias Hackel, auf einen Tarifvertrag unter dem ver.di-Bundestarifvertrag geeinigt.

Damit hat ver.di (spätestens!) in diesem Arbeitskampf gezeigt, dass sie sich wie eine gelbe Gewerkschaft verhält.
Wir als Jugendliche, SchülerInnen, Auszubildende, StudentInnen, aber auch Erwebslose wollen dies so nicht hinnehmen!

Zeigt Solidarität! Nutzt den Aktionstag der Freien ArbeiterInnen Union!
Unterstützt die Belegschaft!

FAU-Berlin: verboten gut!

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Libertäre Medienmesse 2010

Libertäre Medienmesse 2010

Leiharbeit abschaffen

Kino BabyLo(h)n

Sonderseite zum Arbeitskampf im Kino Babylon

Organisiert gegen Überwachung von Staat und Wirtschaft

Die Skandale reihen sich in letzter Zeit endlos aneinander: Die Deutsche Bahn AG überprüft tausende Mitarbeiter_innen, der Discounter Lidl lässt Mitarbeiter_innen per Kamera und sogar durch Detektive bespitzeln und die Telekom lässt Journalisten_innen und sogar Mitglieder des Aufsichtsrates überwachen. Gleichzeitig baut der Staat seinen Sammelwahn weiter aus: die Elektronische Gesundheitskarte, RFIP-Chips in Ausweisdokumenten, die einheitliche Steueridentifikationsnummer oder der Aufbau von Schülerdatenbanken mit einheitlichen Schülernummern sind nur wenige Beispiele.

Die vorerst wieder zurückgenommene Weisung der Bundesagentur für Arbeitvom Mai 2009, dass „bei Verdacht auf besonders schwerwiegendem Leistungsmissbrauch“ Observationen erlaubt sind, lässt an der Nochgültigkeit des Grundgesetzes zweifeln und bietet einen Ausblick aufdas, was in naher Zukunft auf jeden Einzelnen von uns zukommen kann. Zugesicherte und von der Politik immer wieder bejubelte Grundrechte werden nach und nach ausgehebelt. Migrant_innen, vor allem solchen, die auf Asyl angewiesen sind oder in der Illegalität leben müssen, werden von vornherein keine dieser Grundrechte eingeräumt. Freizügigkeit und informationelle Selbstbestimmung sind für sie Fremdworte.

Überwachung und Repressionen an einer unterprivilegierten Gruppe von Menschen zu testen, bevor die Allgemeinheit in diesen „Genuss“ kommt, ist ein Instrument der Herrschaft, welches hohen Gebrauchswert besitzt. Vor allem dann wenn die Benachteiligten allein gelassen werden und die Mehrheit weg sieht oder schlimmstenfalls die Vorgänge unterstützt. Werkzeuge werden geschaffen um benutzt zu werden. Sind sie erst einmal geschaffen so finden sich genügend Einsatzmöglichkeiten.

Vor allem die kapitalistische Dauerkrise lässt nicht darauf hoffen, dass Staat und Wirtschaft in naher Zukunft Persönlichkeitsrechten einen höheren Stellenwert einräumen werden. Verschmelzen doch gerade jetzt Polizei, Geheimdienste und Militär zu einem datensammelnden, repressiven Konglomerat, das mit Gewaltenteilung und Rechtssystem nur wenig zu tun hat.

Auch wenn gerade zu Wahlkampfzeiten gerade von der parlamentarischen Opposition die Fahne des Datenschutzes sehr hoch gehalten wird, kann uns nichts darüber hinwegtäuschen, dass die Politik es war, die den Datenschutz erst völlig unterhöhlte und verbriefte Rechte kontinuierlich abbaute.

Ob als Steuerzahler_inne, lohnabhängig Beschäftigte, Arbeitslose, Schüler_innen, Migrant_innen oder als einfach hier lebende Menschen werden wir täglich durch Kameras gefilmt, werden unsere Bewegungen im Internet verfolgt, werden unsere Daten ohne unsere Zustimmung getauscht und abgeglichen, werden Profile von uns angelegt und vieles mehr. Datenschutzregelungen, wo es solche überhaupt gibt, verkommen zum schutzlosen Feigenblatt.

Es muss ein wirksamer Datenschutz geschaffen werden, nicht nur vor Behörden, auch als Arbeitnehmer_innen benötigen wir umfassende Regelungen. Diese Regelungen werden uns nicht geschenkt oder bleiben auf Ewigkeit so bestehen. Wir müssen sie erkämpfen und ihren Abbau bekämpfen. Ein solcher Kampf muss gemeinsam geführt werden. Über alle Grenzen hinweg. Auf der Arbeitsstelle, zusammen mit unseren Kolleg_innen, können wir den notwendigen ökonomischen Druck erzeugen, auf der Straße, mit unseren Freunden und Nachbar_innen, den politischen.

Veranstaltungen wie die „Freiheit statt Angst“-Demonstrationen zeigen uns die Größe und Vielfältigkeit der Bewegung für informationelle Selbstbestimmung und gegen Überwachung, sie geben uns Kraft und Hoffnung. Der Hebel muss aber gleichzeitig an vielen Stellen angesetzt werden, um das zu verwirklichen für das wir schon so zahlreiche Male auf die Straße gegangen sind.

Für eine freie und solidarische Gesellschaft!

Kommt zur Demonstration „Freiheit statt Angst“ am 12. September 2009, 15 Uhr, Potsdamer Platz, Berlin.
Wir sehen uns bei den rot-schwarzen Fahnen!

Erfolgreiche libertäre und antinationale Demonstration in Dortmund

Unter dem Motto „Nationalismus überwinden! Grenzen einreißen! fand am Freitag, den 4. September in Dortmund eine libertäre und antinationale Demonstration „gegen Herrschaft, Volk und Vaterland“ statt. Je nach Schätzung zwischen 800 und 1.200 TeilnehmerInnen zogen lautstark und mit vielen Transparenten sowie dutzenden von schwarz-roten Fahnen durch die Dortmunder City. Die VeranstalterInnen – darunter die Gruppen der „Anarchistisch-Syndikalistischen Jugend“ (ASJ) in Nordrhein-Westfalen zeigten sich sehr zufrieden über eine der größten ausdrücklich libertären Demonstrationen der letzten Jahre.

Ziel der Demonstration war es, ein deutliches inhaltliches Signal gegen jede Form von Nationalismus zu setzen. In verschiedenen Beiträgen betonten RednerInnen u.a. der ASJ, der Antifa [F] und der FAU, dass der einzige Ausweg aus der kapitalistischen Krise und Zerstörung der Kampf für eine staaten- und klassenlose Weltgesellschaft ist. Das nicht nur Nazis versuchen, vor dem Hintergrund von Krise und Existenzängsten nationalistische und fremdenfeindliche Politik zu machen und Stimmenfang zu betreiben, blieb nicht unerwähnt. Schließlich hatte z.B. gerade der NRW-Ministerpräsident Rüttgers auf einer ganzen Serie von Wahlkampfveranstaltungen der CDU eine systematische Diffamierungswelle gestartet, die sogar von der bürgerlichen Presse kurz und knapp mit „Rüttgers beleidigt rumänische Arbeiter“ auf den Punkt gebracht wurde. Rüttgers Ausfälle hätten problemlos auch jede NPD-Veranstaltung zum schenkelklopfenden und feixenden Toben gebracht. Der gleiche Rüttgers hatte vor Jahren bereits mit seiner Forderung „Kinder statt Inder“ bemerkenswertes politisches Gespür bewiesen.

In einem weiteren Redebeitrag wurde die Rolle der Bundeswehr im Kampf gegen den inneren und äußeren Feind analysiert und die zunehmende Militarisierung der Gesellschaft kritisiert. Traurige Aktualität gewann die Forderung danach, die „Bundeswehr wegzutreten“ durch ein weiteres mörderisches Bombardement der NATO, dem am Tag der Demonstration gerade erst Dutzende von afghanischen Zivilisten zum Opfer gefallen waren. Die Kampfbomber waren angefordert worden, durch das sog. „Deutsche Wiederaufbauteam“ (PRT) der Bundeswehr in Kundus. Würde Kurt Tucholsky heute leben und schreiben, hätte er vermutlich nicht formuliert, dass Soldaten Mörder sind, sondern stattdessen den Satz „Soldaten sind Wiederaufbauer“ geprägt.

Die Demonstration, zu der auch die Ortsgruppen und Syndikate der FAU Region West aufgerufen hatte, richtete sich allerdings nicht nur gegen die nationalistische und patriotische Hetze und Zurichtung von ganz rechts bis hin zur Mitte der bürgerlichen Gesellschaft. Sie setzte auch ein Zeichen in Richtung einer Ruhrgebietslinken, die über weite Strecken paralysiert ist, über die Schattengefechte, die sich die Anhänger eines dumpfen „Befreiungs“-Nationalismus auf der einen Seite und die eines politischen und ideologischen Tunnelblicks mit dem Label „antideutsch“ auf der anderen Seite liefern.

Die überraschend große Beteiligung an der antinationalen und libertären Demonstration am 4. September hat aber gezeigt, dass es im Ruhrgebiet und darüber hinaus eine wachsende Menge Leute gibt, die die Schnauze voll davon haben, von den Grabenkämpfen dieser beiden falschen Alternativen behelligt zu werden. Kein Wunder also, dass von beiden Seiten im Vorfeld wütend gegen die Demonstration polemisiert wurde. Für viele TeilnehmerInnen dürfte das ein weiterer Ansporn sein, im täglichen Kampf um eine befreite Weltgesellschaft ohne Staaten und Nationen, ohne Kapitalverwertung und Herrschaft – oder anders ausgedrückt – für den libertären Kommunismus.

Quelle: www.fau.org

ドイツアナルコサンディカリスト組合から緊急行動と連帯のお願い

Salud!
私 たちアナルコサンディカリスト労働組合FAU-IAA(Freie Arbeiterinnen und Arbeiter Union – International
Arberiter und ArbeiterInnen Assosiation)は現在、ベルリンにある映画館「バビロン」に対して、賃金の引き上
げと安定した雇用を求めて激しい闘いを繰り広げています。私た ちはそのために世界中の仲間の支援を必要と
しています。ぜひEメールやFAXなどをバビロン宛に送ってください。もし、ドイツへ電話をかけることが可
能で したら、バビロンの責任者Timmothy Grossmann(ティモシー・グロスマン)とTobias Hackel(トビア
ス・ハッケル)に私たちの運動を支援していることを表明してください。
ぜひ私たちの闘いを支援するという簡単なメールをgeko@fau.org 宛てに、そしてあなたがたのウェブサイト
やブログに私たちのウェブサイトhttp://www.fau.org のリンクを貼ってください。
以下にバビロンの連絡先を記します。
 電話番号:
(49) – 30 – 24727-801 (babylo(h)n)
(49) – 30 – 24727-802 (babylo(h)n
(49) – 30 – 24727-803 (Kino&Konzerte 映画・コンサート課)
(49) – 30 – 24727-804 (K&K)
(49) – 30 – 24727-805 (K&K)
Fax:
030 – 24727-800 (babylo(h)n + K&K)
E-Mail:
tgrossman@kinoundkonzerte.de
hackel@babylonberlin.de
thackel@kinoundkonzerte.de
grossman@babylonberlin.de
webmaster@kinoundkonzerte.de
FAUへの寄付についてのお問い合わせは英語・ドイツ語はgeko@fau.org まで、日本語はfau-d1@fau.org まで
お願いします。
Rudolf Mühland FAUデュッセルドルフ
Email: fau-d1@fau.org
-----------------------------------------------
Salud!
wir die anarchosyndikalistische fau-berlin führt gerade beim kino babylo(h)n
einen harten arbeitskampf. bitte unterstützt unseren kampf, indem ihr den kino babylo(h)n mitteilt, das
ihr unsere forderungen nach höheren löhnen und sicheren arbeitsplätzen unterstützt. Bitte schickt
e-mails und fax an das kino babylo(h)n. wenn ihr die möglichkeit habt zu telefonieren, ruft an und
teilt den beiden chef’s Timmothy Grossmann und Tobias Hackel mit das ihr unseren kampf unterstütz,
bis zum sieg.
bitte schickt auch eine kurze mail an geko@fau.org wenn ihr unseren kampf unterstützt und verlinkt
unsere seite: www.fau.org
Telefon:
030 – 24727-801 (babylo(h)n)
030 – 24727-802 (babylo(h)n)
030 – 24727-803 (Kino&Konzerte)
030 – 24727-804 (K&K)
030 – 24727-805 (K&K)
Fax:
030 – 24727-800 (babylo(h)n+ K&K)
E-Mail:
tgrossman@kinoundkonzerte.de
hackel@babylonberlin.de
thackel@kinoundkonzerte.de
grossman@babylonberlin.de
webmaster@kinoundkonzerte.de
Spenden erreichen die Betriebsgruppe über:
Freie ArbeiterInnen-Union
Kto 3703001711
BLZ 16050000
Mittelbrandenburgische Sparkasse
Verwendungszweck: babylo(h)n-Soli

Splittergewerkschaften – Eine Alternative?!


14.07.2009


Universität Trier, Raum C 4
Universitätsring 12b, 54286 Trier
Eintritt: Frei

Geklärt werden soll, ob das Engagement in Splittergewerkschaften eine echte Alternative zu der Mitgliedschaft in den Einheitsgewerkschaften des DGB’s darstellt.
Podiumsdiskussion zw. Rudolf Mühland (FAU-IAA) und einem Vertreter des DBG

das vorläufige konzept:
vorstellung der fau und des dgb (jeweils ca. 20min)
hochschulbezug: wie können sich studierende gewerkschaftlich engagieren? vorteile/nachteile? (jeweils ca. 15min) offene diskussion, fragen (ca. 20min+)

Iran: tödliche Macht! – *Solidarität mit dem Kampf der Bevölkerung im Iran! *

Die Fédération Anarchiste unterstützt die Frauen und Männer im Iran in ihrer Rebellion gegen eine herrschende Macht, die sich nicht scheut, alle Mittel der Repression einzusetzen, um ihre Autorität aufrecht zu erhalten.
Präsidentschaftswahlen, seien sie in den Vereinigten Staaten oder in Frankreich, gewöhnen die Leute daran, ihr Schicksal in die Hände einer einzigen Person zu legen, die dann eine außergewöhnliche Machtfülle erhält.
AnarchistInnen sind überzeugt, dass das Hauptziel von Wahlen ist, Individuen ihres Rechts zu berauben, zu leben und sich nach eigenen Vorstellungen zu organisieren.

Im Iran liegt die Macht in den Händen einer religiösen Clique, die sich ihre Kandidaten nach deren Konformität zu den eigenen Vorstellungen aussucht und massiven Betrug organisiert, um den Sieg des dienlichsten Schützlings sicherzustellen. Aber dieses Schauspiel um die Wahlen zeigte vor allem den Durst nach Freihiet der Bevölkerung; die Menschen wollen nicht länger unter dem Joch der Mullahs leben.

Kurz und deutlich: unter Ahmadinejad, Khamenei und den Revolutionsgarden versinkt das Land in einem aufklärungsfeindlichen Fanatismus, aber auch die Wahl Moussawis, Khomeinis früherem Premierminister, hätte auf keinen Fall die Befreiung der Männer und noch viel weniger der Frauen bedeutet.

Die Fédération Anarchiste glaubt nicht im geringsten all die tugendhaften und medial orchestrierten Proteste der westlichen, von Demokratie und Frauenrechten schwatzenden Regierungen: ihre Komplizenschaft mit dem chinesischen Regime, dem “befriedeten” Irak, oder Beziehungen zu Saudiarabien sind Beweis genug, dass solche hehre Prinzipien nur Show sind und nicht viel bedeuten, verglichen mit wirtschaftlichen Interessen oder mindestens der Unterwürfigkeit unter die Interessen der imperialen Macht.

AnarchistInnen werden jedoch niemals das iranische Regime unterstützen, nur weil es sich gegen den US-amerikanischen Imperialismus auflehnt. Die Feinde unserer Feinde sind nicht notwendigerweise unsere Freunde, und die tägliche Unterdrückung der Bevölkerung kann niemals unterbewertet oder entschuldigt werden.

Was die Bevölkerung des Iran gerade – nach einer Wahlfarce, wie wir sie auch von anderswo kennen – auf der Strasse ausdrückt, ist vor allem der Durst nach Freiheit, Gleichheit und Befreiung, die keine gewählte Regierung an der Macht je gewähren wird.

Als Antwort auf diese Welle der Freiheit, bei der Studierende und junge Leute extrem aktiv sind, wenden die Autoritäten eine Taktik des Terrors an, die auf Verhaftungen, Gewalt, der Ermordung von Demonstrierenden und einer nach innen gerichteten Zensur basiert und sie verhindern, dass wirkliche Informationen die Aussenwelt erreichen.

Lasst uns hoffen, dass die mobilisierte iranische Bevölkerung siegreich aus diesem Kampf hervorgehen wird, ohne zu vergessen, dass wirkliche Freiheit nicht heisst, den “richtigen” Politiker oder den “richtigen” Mullah zu wählen, sondern die Kontrolle über die Macht, eigene Entscheidungen zu treffen und sich selbst zu oranisieren, zurückzugewinnen!

Keine Götter, keine Herren, keine Staaten, keine Mullahs!

Für die Selbstbefreiung der Frauen und Männer im Iran!

The Secretary for International Relations
Fédération Anarchiste Francophone

Lisa Simpson: We have the Power

IRAN: „Man hat vor niemandem mehr Angst“ – Interview mit einem Iranischen Anarchisten über die Proteste im Land

Das folgende Interview von ALB-Noticias (alasbarricadas.org) mit Unterstützung von José Antonio Gutiérrez (Aktivist von anarkismo.net) wurde mit Payman Piedar geführt, exilierter Iranischer Anarchist, der sich bereits an zahlreichen libertären Initiativen in der EU und in Peru beteiligt hatte. Ausserdem war Payman Piedar Redaktor der anarchistischen Zeitschrift Nakhdar, die in Englisch und Farsi erschienen ist. Im folgenden Interview versuchen wir inmitten der Verfälschungen der westlichen und der Zensur der Iranischen Medien zu erruieren, was wirklich in diesen Tagen im Iran passiert. Obwohl wir nicht vor einem Aufstand mit revolutionärem Charakter stehen, steigen in der Hitze des sozialen Aufruhrs die Aussichten auf breiten zivilen Ungehorsam.

1. Man sagt, dies seien die wichtigsten Demonstrationen seit der Revolution von 1979… Sehen Sie eine Kontinuität zwischen den Protesten von damals und heute?

Ja, es ist richtig, dass diese Mobilisierungen oder Demonstrationen die grössten und wichtigsten seit der Revolution von 1979 sind. In der Tat begann es damals genau so wie heute.

Der Schah, ein Diktator und Marionette des US-Imperialismus, beging den Fehler, keine Kritik an seiner Herrschaft zu dulden, und das Volk, das seine langjährige repressive Regierungszeit satt hatte, erhob sich endlich und schickte ihn auf den Müllhaufen der Geschichte.

Ebenso gibt es eine Kontinuität zwischen den Ereignissen von 1979 und heute, denn die Revolution, oder besser gesagt der Aufstand von damals – in Wahrheit war es keine soziale, sondern eine politische Revolution, ein blosser Wechsel von einer monarchischen zu einer theokratischen Herrschaft –, wurde von den Mullahs (Religionsgelehrte) mit Ajatollah Khomeini an der Spitze in Beschlag genommen, und es begann die Ära eines neuen diktatorischen Regimes.

Unter solchen Umständen sehnt sich das Volk nach der Freiheit wie nach Brot und Wasser – und es ist bereit, dafür zu sterben. Vor allem die Jungen, da 65% der Iranischen Gesellschaft jünger als 30 Jahre sind und genug davon haben, erniedrigt und unterdrückt zu werden. Mehr noch, diese Bewegung, die bereits als eine andere Revolution erscheint, die, so hoffe ich, jetzt weitergehen wird, ist die Wiederaufnahme des Kampfes für die Verfassung von 1905, der nie zu einem Ende kam. Die Freiheit, auch nur bloss in ihrer bürgerlichen und begrenzten Form, ist etwas, dass die Iranische Gesellschaft bis heute nicht kennt. Die demokratische Regierung von Dr. Mosadegh dauerte lediglich zwei Jahre, von 1951 bis zum August 1953, weil die US-amerikanische Regierung und die CIA sie stürzten, noch bevor sie das gleiche mit derjenigen von Arbenz Gũzman in Guatemala 1954 taten.

2. Inwiefern glauben Sie, dass die aktuellen Mobilisierungen das theokratische Regime schwächen können?

Die Antwort auf diese Frage ist nicht einfach. Alles hängt davon ab, bis zu welchem Grad diese Mobilisierungen fortgeführt werden. Glücklicherweise ist die Aura, die „Würde“ der Mullahs, im Speziellen diejenige von Khamenei, dem Nachfolger von Khomeini, angegriffen worden. Wir haben bereits den Slogan „Stirb Khamenei“ gehört, und gestern verbrannten sie sein Bild auf der Zanjan-Strasse in Teheran. Dieses Zeichen ist sehr wichtig. Man hat vor niemandem mehr Angst.

Schon fast ist der Moment gekommen, in dem „die von unten es nicht mehr ertragen“, wie Lenin sagte, aber es fehlt noch ein Stück, damit „die von oben nicht mehr regieren können“. Heute habe ich gehört, dass in Qom, dem Vatikan der Schiiiten, ein Bruch zwischen den hohen religiösen Führern stattgefunden hat. Eine Fraktion gab die Order, die älteste Tochter von Rafsandschani, einem der mächtigsten, reichsten und korruptesten Ajatollahs, zu verhaften; er war zwischen 1989 und 97 Präsident; am folgenden Tag, also heute, liessen sie die Tochter wieder frei. Rafsandschani hat zwei wichtige Posten in der staatlichen Hierarchie inne, einer davon ist der Vorsitz im Expertenrat, der den obersten religiösen Führer, im Moment also Khamenei, wählen oder abberufen kann.

Somit ist es möglich, dass dieser Rat Khamenei abwählt, wenn die Vorfälle und Mobilisierungen für einige Tage oder Wochen anhalten. Was kommt danach? Es kann sein, dass der Rat eine Gruppe von acht Personen an die Stelle eines obersten religiösen Führers setzt. Es gibt bereits Gerüchte über diese Möglichkeit. Oder, im besten Fall, hört die Bewegung nicht auf bis zur totalen Niederlage des theokratischen Systems.

Vergessen wir nicht, dass diese Stimmung entstanden ist, weil Khamenei den Fehler begangen hatte, die gefälschte Wahl im letzten Freitagsgebet abzusegnen. Aus diesem Grund ist es sehr unwahrscheinlich, dass er einen Rückzieher macht oder dass die Bevölkerung eine allfällige Entschuldigung annehmen würde. Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Die Bourgeoisie und die religiösen Anführer können auf dem Rücken des Volkes zu einer Einigung kommen und die Situation zu beruhigen suchen. Ich sehe dies jedoch als schwierig an.

3. Welche Rolle haben die ArbeiterInnen bis jetzt in diesen Mobilisierungen gespielt? Gibt es eine Möglichkeit, dass der Protest sich im Interesse der arbeitenden Klassen entwickeln könnte?

Freilich hat es innerhalb dieser Mobilisierungen ArbeiterInnen aus verschiedenen Sektoren: Handel und Dienstleistung; aus dem informellen Sektor; Selbstständige, Marginalisierte und Arbeitslose. Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass 25-35 % der Bevölkerung ohne Arbeit sind. Abwesend sind jedoch die ArbeiterInnen aus dem wichtigsten Sektor, nämlich aus der Öl- und Petrochemie-Industrie, die hauptsächlich im Süden des Landes in der Nähe des Persischen Golfes beheimatet ist. Der Tag, an dem diese ArbeiterInnen innehalten und in den Generalstreik treten, bedeutet der Erfolg der Revolution, oder, besser gesagt, die vollständige Niederlage des theokratischen Regimes. Damit diese Bewegung für die Interessen des Proletariats eintritt, müssen sich die ArbeiterInnen dieses Sektors daran beteiligen und die Initiative darin übernehmen.

4. Man betont fortwährend die Mobilisierung der Opposition, aber sicherlich haben auch die Anhänger von Ahmadinejad in grosser Zahl mobilisieren können – vielleicht sogar noch stärker als jene (was aus offensichtlichen Gründen von der westlichen Presse ignoriert wird). Was treibt die Anhänger des Iranischen Regimes auf die Strasse?

Erstens, die Anhänger des Regimes von Ahmadinejad sind nicht zahlreicher als diejenige der Opposition. In Wirklichkeit war das Resultat der Präsidentschaftswahlen das folgende: Moussavi bekam etwas mehr als 19 Millionen Stimmen, Karrobi, der andere „Reformer“, 13 Millionen, Rezaie, politisch Ahmadinejad nahestehend, wenn auch ein wenig „moderater“, 3 Millionen, und Ahmadinejad selbst etwas mehr als 5 Millionen. Die Anzahl ungültiger Stimmen belief sich auf rund anderthalb Millionen.

Die Anhänger von Ahmadinejad kommen hauptsächlich aus ärmeren Bevölkerungsschichten, die einen Betrag von $50 und Chipstüten erhielten. Ebenso aus Pensionärskreisen, die just einige Tage vor den Wahlen einen hohen staatlichen Zuschuss für ihre Renten bekamen: vorher waren es $200, nun $600. Und vergessen wir nicht, dass dieses Regime über drei bis fünf Millionen junge Bassiji verfügt, eine paramilitärische Miliz, vergleichbar mit der Falange von Franco, und die ihre Mitglieder hauptsächlich aus den unteren Schichten rekrutiert. Dazu kommen noch deren Familien, die wegen einer monatlichen finanziellen Zuwendung grundsätzlich hinter dem Regime stehen. Aber es gibt auch eine geringe Zahl an StudentInnen, die während der Wahlkampagne diesen Bonus von $50 ebenfalls erhielt.

Ich nehme an, dass es ebenso einige Kreise im unteren Mittelstand gibt, die Ahmadinejad gewählt haben, da dieser während seines Wahlkampfes ein paar Namen von korrupten, in Mafiastrukturen verwickelten Politikern genannt hatte (u.a. Rafsandschani).

5. Gibt es einen Klassenunterschied zwischen der einen und der anderen Seite? Wir stellen diese Frage, weil bei Ermangelung einer gefestigten und klaren revolutionären Alternative die ArbeiterInnenklasse und die Armen im Allgemeinen gewöhnlich für konservative Anliegen eintreten…

Es gibt keine grossen Differenzen zwischen den Parteien der Mächtigen. Alle sind Teil der Bourgeoisie. Niemand „repräsentiert“ den Mittelstand, die unteren Schichten oder das Proletariat. In ökonomischer Hinsicht sind alle beteiligten Parteien für den Neoliberalismus, für Privatisierungen und für eine Politik im Sinne der Welthandelsorganisation – mit minimalen Differenzen hinsichtlich der staatlichen Zuwendungen an die Armen. Die einen wollen ihnen monatlich etwas mehr Geld geben, die anderen wollen diese Hilfen via Preissenkungen beim Brot, beim öffentlichen Verkehr und bei den Versicherungsprämien gewähren.

Politisch betrachtet will die Opposition allerdings einen demokratischen Eindruck machen: sie steht ein für Redefreiheit, ist gegen die Zensurierung oder Unterbindung von regierungskritischen Publikationen, lehnt die Todesstrafe für Minderjährige ab, will den Frauen im öffentlichen Sektor mehr Chancen bieten, wehrt sich gegen die Inhaftierung von radikalen StudentInnen, ist für mehr Frauenrechte bei Scheidungen usw.

6. Auffallend sind die gemässigten Worte von Obama vor den Mobilisierungen – eine Zurückhaltung, die mit den Hurra-Parolen von Bush und der CIA während den Demonstrationen von Beirut und Kiew vor ein paar Jahren kontrastiert… Von woher rührt diese vorsichtige Haltung?

Die Position von Obama ist sehr diplomatisch. Die US-amerikanischen ImperialistInnen wissen sehr genau, dass der Iran nicht mit dem Irak, Afghanistan oder Pakistan vergleichbar ist; noch ist er mit Beirut oder Kiew gleichzusetzen. Es gibt keine Möglichkeit für sie, im Iran zu intervenieren; nicht einmal während der Regierung Bush gab es Pläne für ein Vorgehen analog zur Invasion im Irak, geschweige denn jetzt, wo die Dinge so bewegt sind. Sie können die momentane Situation im Iran nicht gefährden.

Sie wollen keine Verschlechterung der Lage, weil es letzten Endes besser ist, jemanden an der Macht zu haben, der den Ausfuhr des Erdöls aus der Region nicht gefährdet… Obama weiss, dass die Mullahs davon gesprochen haben, dass die „EU, Grossbritannien, Frankreich, Deutschland im Iran intervenieren…“, um nicht nur die öffentliche Meinung im Iran, sondern weltweit abzulenken. Deswegen sagte Obama, dass er nicht wolle, dass man den Eindruck habe, die EU mische sich in die inneren Angelegenheiten des Landes ein. Aber schon gestern schob er, um die Konservativen zu befriedigen, folgende Erklärung nach: „Die Iranische Regierung darf ihre politischen Gegner nicht unterdrücken, sie darf nicht so gewalttätig vorgehen…“

Ausserdem haben die Mullahs den US-AmerikanerInnen in grossem Ausmass geholfen, die Situation im Irak und in Afghanistan zu „stabilisieren“. In anderen Worten sind ihre Interessen oftmals mit den geopolitischen Ambitionen des US-Imperialismus deckungsgleich. Es ist besser, diese delikate Situation nicht zu gefährden. So betrachtet ist Obama wegen den hegemonialen Interessen des US-Imperialismus die beste Karte, auf die sie setzen können. Bush und seine Politik sind bereits Geschichte, temps passé.

Auf seiner letzten Reise in den Nahen Osten hielt Obama eine Rede an der Universität von Kairo, in der er versuchte, einen pro-islamischen und der arabischen Welt nicht allzu feindlich gesinnten Eindruck zu hinterlassen. Auch besuchte er den Saudischen König und seine zionistischen Verbündeten in Israel. Alles deutet darauf hin, dass er ein konsens- und nicht konfrontationsorientiertes Bild vermitteln will. Obwohl diese Politik aus seiner Sicht im Allgemeinen durchaus vernünftig ist, wird sie in strategischer Hinsicht in der Region nicht aufgehen, denn man vergass wie immer, den PalästinenserInnen im Konflikt mit Israel substantielle Zugeständnisse zu machen.

7. Wie denken Sie wird die momentane Situation im Iran ausgehen? Können sich die fortschrittlichen Kräfte irgend etwas von dieser Opposition erhoffen oder ist es notwendig eine wirkliche Alternative zu schaffen?

Die fortschrittlichen Kräfte können oder dürfen nicht auf die existierende Opposition hoffen. Erstens ist sie nicht laizistisch; sie ist islamisch und für die islamische Verfassung. Sie ist nicht gegen die Person des „Velayate Faghie“, also des obersten religiösen Führers. Sie will nur politische Einflussmöglichkeiten in den Grenzen der Verfassung der Islamischen Republik haben, mehr nicht. Und weil die ArbeiterInnenbewegung überhaupt nicht stark ist – denn wir haben keine Gewerkschaften, die nicht vom Staat kontrolliert werden –, können die Fortschrittlichen diese Gelegenheit nur nutzen, um ein weniger repressives Umfeld zu schaffen – ein Umfeld, das ein wenig freier zum Atmen ist und in dem sich anti-kapitalistische Ziele und langfristige Kampfstrategien organisieren und entwickeln lassen.

Die ArbeiterInnen, die Jungen, die Frauen, die Marginalisierten und die Arbeitslosen müssen ihre Allianzen Schritt für Schritt schmieden; sie müssen Affinitätsgruppen, Organisationen, Versammlungen und Räte schaffen, und dann ihre Pläne für die endgültige Befreiung erarbeiten: Zerstörung des Staates, Abschaffung des Kapitals und die Reinigung des Geistes von aller Religion und Aberglauben. Dies wird der Tag des Feierns sein.

[Quelle in Spanisch: http://www.alasbarricadas.org/noticias/?q=node/11031]

[Übersetzt aus dem Spanischen]

--

wir haben das Interview von der Seite der Libertären Aktion Winterthur

Weitere Links zum Thema:

Labournet:

http://labournet.de/internationales/iran/index.html
http://labournet.de/internationales/iran/gewerkschaft.html

englischsprachige Links:

Solidaritätsaufruf der CNT-IAA Paris
http://cnt-ait.info/article.php3?id_article=1694

Statement der Iranischen Busfahrergewerkschaft
http://libcom.org/library/iranian-bus-workers%E2%80%99-statement-demonstrations

Artikel eines iranischem Anarcho-Kommunisten (WSM Ireland)
http://www.anarkismo.net/article/13493

Interview über iranische Gewerkschaften und den unabhängigen Freiheitskampf der Bevölkerung
http://therealnews.com/t/index.php?option=com_content&task=view&id=31&Itemid=74&jumival=3929

Interview mit iranischem Anarchisten (2005)
http://www.ainfos.ca/05/may/ainfos00339.html

Links auf Farsi (Persisch)

Prinzipien der Internationalen Arbeiter/innen-Assoziation
http://cnt-ait.info/IMG/html/iwa_statutes_farsi2.html

weitere anarchistische Texte
http://cnt-ait.info/rubrique.php3?id_rubrique=97,
http://cnt-ait.info/rubrique.php3?id_rubrique=114

Sonderseite zum Arbeitskampf der FAU-Berlin im Kino Babylon

Sonderseite zum Arbeitskampf im Kino Babylon

Erklärung der ZSP zum Bildungsstreik in der BRD und zum Bologna-Prozess

Die polnische »Union der SyndikalistInnen« (ZSP) hat aus Anlass des Bildungsstreiks in der BRD eine Erklärung verfasst, in der sie sich mit den derzeit in mehreren eurpäischen Ländern stattfinden Aktionen im Bildungsbereich und mit dem sog. »Bologna-Prozess« auseinandersetzt.
Die »Union der SyndikalistInnen« (ZSP) unterstützt den Bildungsstreik in Deutschland, der vom 15. bis 19. Juni 2009 stattfindet. Die ZSP plant eine Info-Aktion am 19. Juni, dem 10. Jahrestag der Unterzeichnung der »Bologna-Erklärung«. Unsere Unterstützung für den Kampf gegen die Kommerzialisierung der Bildung, bedeutet nicht, dass wir den Erhalt der Bildungseinrichtungen in der jetzt existenten Form unterstützen würden. Der Bildungsstreik in Deutschland ist eine aus einer Vielzahl von Aktionen gegen die Änderungen in der Finanzierung des Bildungssystems und anderer Sektoren. Die DemonstrantInnen sind gegen Veränderungen, die Profitinteressen über die Interessen der Menschen stellen und die den Zugang zu Bildung beschränken und ihn damit noch mehr auf die bereits privilegierten Teile der Gesellschaft beschränken. Die Einführung kommerzieller Aspekte in die Bildung passt diese an die Bedürfnisse des Kapitals an, aber nicht an die Bedürfnisse der SchülerInnen und StudentInnen.

Die Proteste richten sich auch gegen die Tendenz des Staates zur Neuverteilung von öffentlichen Mitteln, die eigentlich für weite breite gesellschaftliche Bereiche gedacht sind. Diese Veränderungen werden auch negative Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen von LehrerInnen, DozentInnen, ProfessorInnen und andere Beschäftigte an Schulen und Hochschulen haben. Viele von ihnen werden sich am Rand der prekären Beschäftigung wiederfinden, einige werden ihren Job verlieren.

Wir unterstützen die Kämpfe von SchülerInnen und LehrerInnen, die nicht bereit sind, die systematischen Veränderungen mitzutragen, welche die Lücke zwischen den Reichen und den Armen noch größer machen würden. Die wachsende Barriere zwischen ihnen wird die strukturellen Ursachen der Armut ebenso vergrößern wie sie die Lebensbedingungen vieler ArbeiterInnen, einschließlich der BildungsarbeiterInnen, verschlechtern wird.

Viele dieser Veränderungen, die überall in Europa im Bildungswesen eingeführt werden, konzentrieren sich rund um die Visionen, die von den Initiatoren des Bologna-Prozesses entwickelt wurden. Obwohl wir gegen die Grundannahmen dieses Prozesses sind, glauben wir nicht, dass dieser Prozess selbst die Hauptursache für das Problem ist. Die tiefergehenden Wurzeln des Problems sind mit dem Kapitalismus und der Rolle der Bildung als Werkzeug der Erzeugung von Eliten und der Zurichtung zur Vereinzelung in Übereinstimmung mit den Werten der Klassengesellschaft verbunden.

Wir stimmen nicht mit einigen sozialdemokratischen Positionen überein, die häufig von manchen GegenerInnen der Kommerzialisierung von Bildung angeführt werden. Darunter sind Auffassungen wie die, dass „Bildung vom Staat betrieben werden sollte“ oder dass „die Universität in ihrer derzeitigen Form bewahrt werden müsse“. Wie in einigen anderen Lebensbereichen auch, mag es sein, dass die Bewahrung des derzeitigen Systems besser sein kann als die Zukunft, welche die Neoliberalen für uns vorbereitet haben. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir für eine Unterstützung des Status Quo wären. Die Universität ist bereits jetzt ein Werkzeug der Elitenförderung, der Hierarchie und des Duckmäusertums. Der Zugang der Armen zu Bildung existiert häufig nur auf dem Papier. Bildungseinrichtungen sind ein Werkzeug der sozialen Indoktrination.

Für uns ist Bildung eher ein andauernder Prozess als eine Institution. Bildung muss nicht mit Diplomen verbunden sein, mit Karrieren und den Erfordernissen des Arbeitsmarktes. Unsere Vision von Bildung ist offen für alle – und zwar offen für wirklich alle und nicht nur für eine kleine Gruppe von Leuten, die sie sich leisten können und sich in ein Modell von Anpassung an Hierarchie und Noten einfügen. Das Modell von Bildung, das wir wollen, basiert in allererster Linie auf Zusammenarbeit, auf dem Teilen von Wissen in Übereinstimmung mit den libertären Prinzipien.

Wir rufen alle BefürworterInnen libertärer Bildung dazu auf, an den Protesten teilzunehmen und die Gelegenheit zu nutzen, Diskussionen über die Modell von Bildung jenseits des neoliberalen oder sozialdemokratischen Rahmens zu eröffen.

Union der SyndikalistInnen (Polen)

15. Juni 2009

die Vorträge, Seminare usw die ich anbiete,…

Was ist eigentlich Anarcho-Syndikalismus? oder die FAU-IAA stellt sich vor!

Jeder von uns hat die Formel „Ein Angriff auf eine von uns ist ein Angriff auf alle!“ schon mal gehört. Und ebenso haben wir alle schon oft die Phrase von der „Solidarität“ vernommen. Aber was könnte die wirkliche, praktische Bedeutung dieser und noch ein paar anderer bekannter sozialistischer Schlagworte aus der ArbeiterInnenbewegung sein?
Rudolf Mühland geht diesen und anderen Fragen nach und gibt dabei einen kleinen historischen Überblick über die Wurzeln des Anarcho-Syndikalismus und seine Entwicklung vom 19 bis zum 21 Jahrhundert. Dabei legt er einen Schwerpunkt auf die heutige Freie ArbeiterInnen Union (FAU-IAA) und ihre aktuelle Situation. So wichtigen Fragen wie:
* Wie sind die Menschen innerhalb der FAU organisiert?
* Welche kurzfristigen, mittelfristigen und langfristigen Ziele verfolgt die FAU?
* Wer kann mitmachen?
oder auch
* Wie steht die FAU zur Bertiebsratsfrage?
* Wie steht die FAU zu Tarifverträgen?
und viele andere Fragen mehr werden angesprochen. Nach dem Vortrag mit Präsentation bleibt Zeit die aufgeworfenen Thesen zu diskutieren und weiterführende Probleme zu erörtern.
Anarchie und Strafe – zur Zukunft des Knastsystems in der Anarchie
„Freiheit für alle Gefangenen“ ist sicherlich ein Slogan den alle politischen AktivistInnen kennen. Für die ArbeiterInnenewegung und speziell für die Anarcho-SyndikalistInnen war diese Parole immer mehr als nur ein Schalgwort. Seit beginn der anarchistischen Bewegung und darüber hinaus noch in jeder Revolution haben die Menschen „ihre“ Gefangenen immer wieder befreit oder sich sonst wie für die Befreiung eingesetzt. ABER was sagen AnarchistInnen zur Rolle der Gefängnisse in einer anarchistischen Zukunft? Wird es keine „Verbrechen“ mehr geben? Werden die Menschen in totaler Harmonie miteinander leben? Und wenn es doch noch „Verbrechen“ gibt, wie werden die Menschen damit umgehen? Welche gesellschaftlichen Lösungen schweben den AnarchistInnen vor? Der Vortrag wird einen Streifzug durch die Jahrhunderte über den gesamten Globus unternehmen und die Lösungsvorschläge in Theorie und Praxis der AnarchistInnen (nicht nur!!) beleuchtet.

Anarchistische Strömungen und Utopien

Der Anarchismus hat viele Wurzeln und im laufe der Geschichte kamen viele “neue” Wurzeln hinzu. Obwohl sich alle AnarchistInnen in zwei Punkten einig sind, nämlich der Ablehnung jeder Form der Herrschaft des Menschen über den Menschen UND der Ablehnung jeder Form der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, gibt es jedoch kaum Einigkeit darüber wie die bestehende Gesellschaft transformiert werden soll. Praktisch und philosophische Fragen haben sehr früh dazu geführt das sich verschiedene anarchistische “Schulen” gebildet haben. Der Vortrag gibt einen kurzen Überblick über die anarchistischen Strömungen, ihre Utopien und ihre Ideen zur Transformation der Gesellschaft.

AnarchistInnen gegen Hitler

Im offizielen Gedenken an den Widerstand gegen den Faschismus werden wir zunehmend einseitig an die Offiziere des 20.Juli erinnert. Innerhalb der „Linken“ erinnert man sich auch des Widerstandes aus sozialemokratischen, zentralgewerkschaftlichen und vor allem kommunistischen Kreisen. Was ist aber mit den AnarchistInnen und SyndikalistInnen? Haben sie Widerstand geleistet? Wenn, ja, was war ihre Motivation? Wie waren sie Organisiert? Wer hat sich an diesem Widerstand beteiligt? Wie ist dieser Widerstand zu bewerten? Was hat er gebracht? Diesen und noch einigen anderen Fragen mehr werden wir in den Vortrag nachgehen. Hinterher bleibt noch genug Zeit weitere Fragen zu stellen und über die dargestellten Thesen zu diskutieren.

Zur Aktualität anarchistischer Theorie und Praxis

Obwohl Leo Trozki die anarchistische Bewegung schon in den 1920’ern „auf dem Misthaufen der Geschichte“ gesehen hat, ist diese Bewegung noch heute Weltweit vorhanden. Was macht eine Idee, die vor über 150 Jahren das Licht der Öfentlichkeit erblickte noch heute aktraktiv? Welche Ideen liegen heutiger anarchistischer Praxis zu Grunde? Und vor allem: warum sollten uns heute die alten Träume der AnarchistInnen noch interessieren? Der Vortrag versucht auf Grundlage der heutigen Gesellschaft die Aktualität des Anarchismus und der anarchistischen Bewegung in seiner Theorie und besonders an Hand seiner Praxis zu verdeutlichen.

Geschichte des Anarchismus auf Kuba

Ein gern verschwiegener schwarz-roter Faden zieht sich durch die Geschichte Kubas.
Rudolf Mühland hat das Vorwort zur Erstausgabe des Buches „Anarchismus auf Kuba“ von Frank Fernandez geschrieben. Der Autor Frank Fernández hat mit diesem Buch diese Geschichte neu aufgerollt. Er spannt den Bogen von der Zeit der spanischen Kolonial- herrschaft bis hin zu dem heutigen Castro-Regime (2003!). Fernández zeichnet das Bild einer wechsel- vollen Geschichte der libertären kubanischen Bewegung, die oft in den diversen politischen Strömungen unterzugehen drohte. Die Unabhängigkeitsbewegungen (Loslösung von Spanien) mit ihrem Patriotismus wie auch die späteren Diktaturen von Machado und Batista konnten sie nicht klein kriegen. Das besorgte in den fünfziger Jahren erst das Regime von Castro. Rudolf Mühland hat das Vorwort zur deutschsprachigen Erstausgabe geschrieben und wird in einem Referat die geschichte des kubanischen Anarchismus/Anarcho- Syndikalismus erläutern. Neben dem Text von Frank Fernandez wrden auch auch intime Freunde des movimiento libertario cubano (MLC), wie Augustin Souchy (der sich auf Einladung Fidel Castros auf Kuba befand!) und Sam Dolgof zitieren. Dieses Buch sei daher vor allen auch den Leuten ans Herz gelegt, die immer noch ein romantisierendes Bild eines kubanischen „Sozialismus“ mit den marxistisch-leninistischen Galionsfiguren Che Guevarra und Castro pflegen. – In diesem Sinne: „Kill your Idols“.

Was ist eigentlich Anarchie?

Rudolf Mühland geht der Frage nach was Anarchie ist und welche Antworten sie für die Probleme Heute und in der Zukunft liefern kann anhand konkreter Beispiele aus dem Alltag nach. Welchen Sinn macht es zum Beispiel für Studierende sich in sogenannten Bildungssyndikaten selbst zu organisieren? Sind Studierende auch ArbeiterInnen? Und wenn ja, sollten sie in einer Gewerkschaft sein? Welche Möglichkeiten der Organisation schlägte „der Anarchismus“ auf sozialer, kultureller und ökonomischer Ebene vor? Wie organisieren sich AnarchistInnen schon heute und wie stellen sie sich die Transformation der Gesellschaft vor? Dies sind einige der Fragen die er in seinem Vortrag nachgehen wird. Insgesamt legt R. Mühland in seinem Vortrag einen Schwerpunkt auf die Makrostrukturen unserer Gesellschaft.
Anschließend bleibt noch Raum für eine eingehnde Diskussion der aufgestellten Thesen.

Revolution in Deutschland?! – Die ArbeiterInnenbewegung der Weimarer Republik

Wir wollen uns auf die Spuren der ArbeiterInnenbewegung der Weimarer Republik begeben. Die Zeitreise beginnt am Ende des Ersten Weltkriegs und der Frage nach der gescheiterten “Revolution” der ArbeiterInnen in Deutschland. Weiter geht es über die Kämpfe des März 1920 als die ArbeiterInnenbewegung mit einem Generalstreik und der Aufstellung einer Roten Armee den Putsch der rechte Freikorps entgegentritt. Schließlich erleben wir die Endphase der Weimarer Republik und den Kampf gegen den aufkommenden Faschismus. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Aufstieg und Niedergang der Radikalen Linken, sowie den Schwierigkeiten und Fehlern im antifaschistischen Kampf. Schließlich soll die Frage diskutiert werden, was diese historischen Erfahrungen für uns bedeuten in einer Zeit, in der es in Deutschland keine medial wahrgenommene radikale ArbeiterInnenbewegung mehr gibt.

Europas neue Kriege

Buchvorstellung mit Ismail Küpeli und Rudolf Mühland (Autoren) – Wir erleben immer wieder, wie Kriege als legitim, ja sogar als notwendig dargestellt werden. Die Gründe sind vielfältig – und nicht immer einfach zu durchschauen.
Neben der Legitimierung einzelner konkreter Kriege muss als Teil der geistigen Mobilmachung auch der Krieg als solcher denkbar gemacht werden. Diese Denkbarmachung des Krieges läuft – vielfach unbeachtet von Kriegsgegnern – in wissenschaftlichen Diskursen der Universitäten und Think-Tanks. Politikwissenschaftler entwerfen Thesen, Theorien und Prognosen. Sie liefern Gefahreneinschätzungen für die Politiker, die darauf aufbauend Entscheidungen treffen.
In der Buchvorstellung soll neben der Kritik der wissenschaftlichen Denkbarmachung des Krieges auch versucht werden, eine allgemeine Position gegen den Krieg zu formulieren und gemeinsam zu diskutieren, was wir gegen Kriege tun können.

März 1920 „Die vergessene Revolution“

„Am 13. März putschte Kapp gegen die Reichsregierung in Berlin. Am 15. März begann der eiligst ausgerufene Generalstreik. Bis zum 29. März traten allein im Ruhrgebiet mehr als 330.000 Arbeiter und Arbeiterinnen in den Streik. Eben diese ArbeiterInnen bildeten in den Städten spontan die sogenannten Arbeiterwehren. Außerdem organisierten sich 80. – 120.000 Menschen ebenso spontan in der „Roten Ruhr Armee“. Hinter der Front passierte aber noch viel mehr, und genau darum soll es in dieser Veranstaltung gehen. Anhand eines PowerPoint unterstützten Vortrages rufe ich den März 1920, die Akteure auf allen Seiten und die „vergessene Revolution“ wieder in unsere Erinnerung. Nach dem Vortrag stehe ich Autoren noch zu einer offenen Diskussion zur Verfügung.

Antisemitismus in der BRD

In diesem Vortrag beschäftige ich mich Einführend mit dem Antisemitismus in Deutschland. Allerdings ist der Antisemitismus kein „Deutsches Phänomen“, sondern eine besondere Form des Rassismus die weltweit verbreitet ist.
Zu Beginn stelle ich die verschiedenen historischen Quellen des Antisemitismus dar. Dabei spare ich den vorchristlichen („heidnischen“) Judenhass aus. Der christliche Judenhass wird aber ebenso dargestellt wie der mittelalterliche, der moderne Antisemitismus, der nazionalsozialistische und der nach-Shoa-Antisemitismus. Ein kleiner Exkurs soll Eckpunkte vermitteln, die helfen können zu erkennen wo die Grenze zwischen Israelkritik, Kritik an der jüdischen Nationalbewegung, dem Zionismus und dem Antisemitismus liegen. Dabei sind die Grenzen oft fließend.
Ein weitere Schwerpunkt ist der Versuch gegen allzuleichte Antworten anzugehen. So wird seit 2001 vermehrt der Eindruck erweckt, als sei der Antisemitismus in Europa ein Konflikt zwischen Minderheiten. Auf diese Art und Weise wird faktisch die eine Minderheit (europäische Muslime) gegen die andere Minderheit (europäische Juden) ausgespielt, und das obwohl es ernsthafte Versuche beider Minderheit gibt, sich gemeinsam gegen Rassismus zu positionieren. (Ultra-)Konservative, (neo-)nazistische Organisationen werden dadurch nur in ihren Bemühungen rassistische Zwietracht zu fördern bestärkt. Tatsächlich sind die einzelstaatlichen Befunde in Europa sehr unterschiedlich. Während es zum Beispiel in Frankreich eine feststellbare Verschiebung von der „traditionellen rechten Gewalt“ gegen Juden, hin zu einer Beteiligung vorwiegend junger männlicher Muslime gab, sind die Täter in den Niederlanden zu 80% „weiß“.

Anarchie und Sex

Vorwort: Die Idee zu diesem Vortrag hatte ich bei einer Veranstaltung inSalzburg. Am Anschluss an den Vortrag „Anarchie und Strafe – zurZukunft des Knastsystems in der Anarchie“ diskutierten die AnwesendenMenschen sehr schnell über Sex, Gender, SM-Praktiken u.v.a.m.
Diese Diskussion zeigte mir einerseits das es großes Interesse am Thema Sex* gibt und andererseits, das es, trotz zahlreicher analytischer Beschäftigungen mit dem Thema allerlei Unsicherheiten gibt.Mein Vortrag wird sicher nicht in der Lage sein alle Frage zubeantworten (oder auch nur an zu reißen) aber ich hoffe doch einigesachlich-sinnliche Hinweise geben zu können. Aber was macht uns eigentlich beim Thema Sex so unsicher und vor allem,was hat Sex mit Anarchie zu tun? Mit Konstantin Wecker („Freiheit, das heißt keine Angst haben vor nichtsund niemand“) möchte ich die Frage nach dem Zusammenhang von Sex und Anarchie vorerst beantworten. Gleichzeitig habe ich hier auch eine guteÜberleitung zu der Antwort auf die Frage was uns denn beim Thema Sex so unsicher macht. Meiner Ansicht nach ist es Angst. Angst vor Strafe, vorVerlust, vor abweichendem Verhalten, vor Unkenntnis, vor ungewolltemVerhalten usw. usf. Spätestens ab der Pubertät beschäftigen wir uns alle mehr oder wenigermit Sex. Aber schon vorher werden wir in unsere Geschlechterrollen gedrängt. Zum Teil operativ, zum Teil durch die Konfrontation mit Rollenbildern und „kindgerechtem“ Spielzeug. Doch zurück zur Pubertät. Wir fangen an uns selbst, unseren Körper, unsere Lust zu erkunden. Schon hier tragen viele von uns ein ganzen Netzwerk von Schuldgefühlen mit sich herum, fühlen einen Widerspruch zwischen dem was sie Fühlen und dem was ihnen beigebracht wurde. Die Entdeckung des anderen (das meine ich nicht geschlechtlich, sondern rein numerisch) macht die Angelegenheit oft nicht leichter. Woher sollen wir wissen was das gegenüber (denkt euch ruhig den Plural dazu) mag und möchte? Müssen wir gesetzte Grenzen in alle Ewigkeit akzeptieren oder dürfen wir sie überschreiten und wenn ja, wie? Wie wirken sich (für die Intellektuellen unter uns) gesellschaftliche Realitäten wie Staatlichkeit (im weitesten Sinn!) und Kapitalismus auf unsere Sexualität und die Konstruktion/Dekonstruktion der Geschlechterrollen aus? Ist es ok Pornos zu schauen? Was passiert eigentlich im Pornokino? Darf ich beim Sex schlagen, fesseln, befehlen? Ist Monogamie in Ordnung? Woher kommt meine Eifersucht? Warum sitzen die Kerle im Zug immer so, das auf dem Viersitzer kein Platz mehr für mich ist? Welchen Sinn oder Unsinn machen Dinge wie soziales und biologisches Geschlecht und wie wird das bestimmt? Geht Sex ohne Liebe? Was ist mit Beschneidung? Und noch mal: Was hat das alles mit Anarchie zu tun? Ist das ganze nicht einfach nur eine private Angelegenheit?

* Wenn ich von Sex schreibe, denke ich Gender und alle anderen Aspekte gleich mit. Ich möchte der schriftstellerischen Einfachheit halber, Sex nicht einfach nur als Geschlechtsakt verstanden wissen. Vielmehr als Überschrift für ein Netzwerk verschiedenster Begriffe.

Tagesseminare:

Einführung in das (kollektive) Arbeitsrecht
In der Linken ist die Arbeiterklasse schon lange kein Thema mehr. Erst in der neuesten Zeit wenden sich wieder vermehrt Menschen der „sozialen Frage“ zu. Dabei stoßen sie unweigerlich auf Gewerkschaften und ihre Kampfformen. Kaum einer weiß jedoch die rechtliche Situation, in deren Rahmen die reformistischen, gelben und auch revolutionären Gewerkschaften agieren, ein zu schätzen.
Das Tagesseminar beschäftigt sich einführend mit dem sogenannten „Kollektiven Arbeitsrecht“. Dabei wird insbesondere der Frage nach geangen „Was ist das Arbeitsrecht“, wo und wie ist es geregelt und welche Rangfolgen haben die Rechtsquellen. Des weiteren wird ein Überblick über das Tarifvertragsrecht und das Arbeitskampfrecht gegeben. In diesem Zusammenhang werden Begriffe wie Gewerkschaft und Betriebsgruppe erläutert. Besondere Erwähnung finden sogenannte JoberInnen und LeiharbeiterInnen. Zum besseren verständnis gibt es einen kleinen Überblick über die Geschichte des Streikrechts und die Entstehung heutiger (kollektiver) arbeitsrechtlicher Rechtsprechung. Das ganze wird immer unter der Perspektive realer und revolutionärer Gewerkschaftsarbeit geschildert. Während des Seminars gibt es immer wieder Gelegenheit einzelne Punkte ausführlicher zu diskutieren. Folgeseminare zu Spezialthemen (zum Beispiel Betriebsverfassungsgesetz usw) sind möglich.

Revolution in Deutschland?! – Die ArbeiterInnenbewegung der Weimarer Republik
Wir wollen uns auf die Spuren der ArbeiterInnenbewegung der Weimarer Republik begeben. Die Zeitreise beginnt am Ende des Ersten Weltkriegs und der Frage nach der gescheiterten “Revolution” der ArbeiterInnen in Deutschland. Weiter geht es über die Kämpfe des März 1920 als die ArbeiterInnenbewegung mit einem Generalstreik und der Aufstellung einer Roten Armee den Putsch der rechte Freikorps entgegentritt. Schließlich erleben wir die Endphase der Weimarer Republik und den Kampf gegen den aufkommenden Faschismus. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Aufstieg und Niedergang der Radikalen Linken, sowie den Schwierigkeiten und Fehlern im antifaschistischen Kampf. Schließlich soll die Frage diskutiert werden, was diese historischen Erfahrungen für uns bedeuten in einer Zeit, in der es in Deutschland keine medial wahrgenommene radikale ArbeiterInnenbewegung mehr gibt.

Film & Diskussion:

Why Men Don‘t Speak about Their Penisses
Eine Doku mit Männer, Männer* die vorher Frauen waren und Frauen* die vorher Männer waren, mit nackten Männern, mit angezogenen Männer, mit Männern die ihren Penis zeigen und Männern die ihren Penisverstecken und Männern von denen man sich nicht sicher ist ob sie einen Penis haben. Diese Veranstaltung ist offen für alle Menschen, egal welchem Geschlecht sie sich selbst zurechen (wenn sie das denn überhaut tun), zu welchen Geschlechtern sie sich hingezogen fühlen und frei ab 12 Jahren.
Anschließend offene Diskussion.
*das ist rein organisch gemeint

Buchbinder und Anarchist – Das Leben von Rudolf Rocker
Der Dokumentarfilm ist eine Spurensuche anhand der Lebensstationen von Rudolf Rocker. Dieser wurde 1873 in Mainz geboren. 20 Jahre später emigrierte er nach London wo er sich nicht nur der radikalen, jiddischen, Arbeiterbewegung anschloß, sondern auch seine Lebensgefährtin Milly Witkop kennen lernte. Während des ersten Weltkriegs wurde er als „Alien Enemy“ interniert. 1919 kehrt er zusammen mit Milly nach Deutschland zurück und wird hier zur treiben Kraft des entstehenden Anarcho-Syndikalismus. 1922 war er maßgeblich an der Gründung der anarcho-syndikalistischen „Internationalen ArbeiterInnen-Assoziation beteiligt. Nach vergeblichem Kampf gegen die Nazis gelang ihm 1933 die Flucht in die USA, wo er bis zu seinem Tode 1958 aktiv blieb und sowohl die Revolution in Spanien als auch die Reorganisation der „Freiheitlichen SozialistInnen“ ab 1945 in Deutschland unterstützte.
Nach dem Film wird Rudolf Mühland einige zusätzliche Informationen geben und versuchen die enstandenen Fragen zu beantworten. Er steht auch einer generellen Diskussion über die aufgestellten Thesen zur Verfügung.

Vivir la Utopia
Der Dokumentarfilm Vivir la utopía! – Die Utopie leben! gibt einen Überblick über die Geschichte der anarchistischen Bewegung Spaniens seit dem 19.Jahrhundert bis zu ihrem Höhepunkt, der spanischen revolution im Jahre 1936:
Die Gründung der anarchosyndikalistischen Gewerschaft CNT-AIT (Confedération Nacional del Trabajo) und der FAI (Federación Anarquista Ibérica), die Rolle von Kultur und Erziehung (Modernes Schulwesen nach F. Ferrer), die Vielfalt der Ideen und Aktivitäten im Vorfeld der Zweiten Republik, den Staatsstreich der Militärs, der sowohl einen Bürgerkrieg als auch eine Soziale Revolution auslöste, und insbesondere die Einrichtung und das Funktionieren der Kollektivbetriebe in den ländlichen und städtischen Gebieten. Das republikanische Spanien wurde von den Franco-Faschisten mit militärischer Hilfe der italienischen und deutschen Faschisten bekämpft; die westlichen „Demokratien“ leisteten keine Hilfe, und die Stalinisten verrieten und bekämpften die soziale Revolution. Der Film zeigt die zuwenig bekannte konstruktive Seite der radikalen gesellschaftlichen Veränderungen, durch die einfachen ArbeiterInnen und BäuerInnen im republikanischen Teil Spaniens. ZeitzeugInnen aus den Reihen der AnarchistInnen berichten u.a. über das konstruktive Werk des „Anarchismus in Aktion“ während der Sozialen Revolution, dies bedeutete: Auf dem Lande bilden etwa 7 Millionen Bäuerinnen und Bauern Kollektive, in den Städten werden etwa 3000 Fabriken und Produktionsbetriebe in Selbstverwaltung der Arbeiter-innen überführt, circa 150 000 Anarchist-innen schließen sich den Milizkolonnen im Kampf gegen den Faschismus an. Gesprächspartner sind 30 Überlebende, viele kamen aus dem Exil in Frankreich, Kanada, Mexiko und Venezuela, um Zeugnis abzulegen über das größte sozialrevolutionäre Experiment in der Menschheitsgeschichte!
Nach dem Film wird Rudolf Mühland einige zusätzliche Informationen geben und versuchen die enstandenen Fragen zu beantworten. Er steht auch einer generellen Diskussion über die aufgestellten Thesen zur Verfügung.

Tierra y Libertad / Land and Freedom
1936 die Revolution in Spanien hat gerade angefangen und über all auf der Welt versuchen Militante die ArbeiterInnen über den Charakter der Ereignisse auf zu klären. Nach einer Filmvorführung entschließt sich der arbeitslose Kommunist David Carr nach Spanien zu gehen und seinen Traum einer sozialistischen Welt mit der Waffe in der Hand gegen die faschistische Bedrohung zu verteidigen.
In Spanien angekommen schließt er sich eher zufällig einer Internationalen Brigade der POUM (ein undogmatischen marxistischen Partei) an. Die Revolution ist jedoch schon bald keine mehr. Das Authoritätsprinzip gewinnt wieder die oberhand und die Stalinisten tun alles um die Errungenschaften der ArbeiterInnen zurück zu drängen. Auf diesem Hintergrund spielt sich die Liebesgeschichte von David und Blanka ab. Sie wird auf dem Höhepunkt der Reaktion von den Stalinisten erschossen – die Revolution ist nun endgültig vorbei. Der Film genügt sich aber nicht in der Darstellung der Liebesgeschichte oder Kämpfe. Nein, er gibt auch einen beredten Eindruck in die Struktur der Miliz, die Umgestalltung der Gesellschaft nach anarchistischen Prinzipien und die Mechanismen des „Verrates“ durch die Partei-Kommunisten.
Nach dem Film wird Rudolf Mühland einige zusätzliche Informationen geben und versuchen die enstandenen Fragen zu beantworten. Er steht auch einer generellen Diskussion über die aufgestellten Thesen zur Verfügung.

comming soon:
schickt mir eure Themenvorschläge/Wünsche per Mail: rudolfmuehland @ web . de




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